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„Es braucht einen barrierefreien Zugang zum Beipackzettel“

Ludwig Hammel, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew Bundesverband, spricht im Interview über das Projekt Gebrauchsinformation 4.0 (GI 4.0) und welche Vorteile es für Patienten bringt. Das europaweit einzigartige Projekt wurde von einem Konsortium aus Verbänden, Industrie, Behörden, Patienten, Zulassungsbehörden, Apothekerorganisationen und Pharmaunternehmen erarbeitet.

Ludwig Hammel, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew Bundesverband (DVMB).Herr Hammel, wie unterstützt Gebrauchsinformation 4.0 Patienten bei der Anwendung von Medikamenten?

Wir kennen alle die Situation: Man bekommt ein Medikament verordnet und liest sich zu Hause den Beipackzettel durch. Die wenigsten können sich alles merken, was drin steht. Üblicherweise ist es so, dass man zum Zeitpunkt von Fragen zum Arzneimittel den Beipackzettel zu Hause hat – aber nicht dort, wo man sich gerade befindet. Wenn es zu Nebenwirkungen kommt, weiß man nicht: Liegt es am Medikament oder an etwas anderem? Ein Smartphone hat mittlerweile fast jeder Bundesbürger bei sich und man kann mit dieser App problemlos sein Arzneimittel und alles, was dafür wichtig ist, finden. Ein weiterer Vorteil: Die App zeigt immer den aktuellsten Stand der Gebrauchsinformation an.

Für welche Patientengruppen kann das vor allem ein Vorteil sein?

Für alle Patienten. Chroniker bekommen meist die gleichen Medikamente über viele Jahre hinweg. Für sie ist es relativ normal, dass sie den Beipackzettel gut durchlesen. Aber gerade Patienten, die einmal oder in unregelmäßigen Abständen Medikamente bekommen, ist es oft ein böhmisches Dorf, was da alles drinsteht und sie wissen nicht genau, was sie eigentlich wissen sollten: Welche Nebenwirkungen gibt es, wie muss ich es einnehmen und viele Dinge mehr. Und wer kennt das Problem nicht: Ich habe den Beipackzettel gelesen und dann habe ich das Problem: Wie bringe ich ihn gefaltet wieder zurück in die Packung?

Sie haben die App getestet. Wie lange?

Etwa ein Dreivierteljahr. In dieser Zeit wurden noch einige Verbesserungen mit eingebracht.

Welche?

Was wir relativ bald gemerkt haben: Es braucht einen barrierefreien Zugang zum Beipackzettel. Zum Beispiel ist es wichtig, die Schriftgröße verändern zu können. Und es gibt die Möglichkeit, sich den Beipackzettel durch eine Vorlese-Software vorlesen zu lassen. Was gut war: Bei der Erprobung des Projekts waren auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband und weitere Verbände mit dabei.

Gibt es auch Hürden in der Anwendung?

Wenn es noch Hürden gäbe, hätten wir diese bereits aus dem Weg geschafft.
Wir versuchen, das Projekt stets weiterzuentwickeln und wollen noch viel ausprobieren. Im Moment haben wir noch die ein oder andere nicht spruchreife Idee. Wir möchten die App jetzt der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und sehen, wie sie bei Patienten ankommt und so gestalten, dass die Anwendung noch mehr Akzeptanz bekommt.

Kann die App von älteren Menschen mit wenig Smartphone-Erfahrung gut genutzt werden?

Wenn die App auf Smartphone, Tablet oder Computer installiert ist, muss nur der 3D-Barcode eingelesen werden – das ist relativ einfach, dafür muss man keine technische Koryphäe sein. Jedes Medikament hat mittlerweile einen Barcode, den man mit dem Handy einlesen kann. So komme ich genau zu meinem Produkt bzw. Medikament, sodass ich es direkt finde und nicht umständlich etwas eingeben muss. Ich kann es merken lassen und muss es nicht suchen. Ja, es gibt noch immer Personen, die keinen Zugang zu einem Computer haben. Aber wir müssen versuchen, die Möglichkeiten, die einem durch die Technik geboten werden, zu nutzen. In einigen Jahren wird das alles kein Thema mehr sein. Es kennt auch jeder jemanden, der helfen kann.

Was ist das große Ziel des Projektes?

Das Ziel ist, dass irgendwann jeder Patient die App auf seinem Handy installiert hat und dass alle Medikamente, die es in Deutschland gibt, dort aufgelistet sind. Noch werden einzelne wenige Arzneimittel dort sukzessive eingepflegt. Wir sind der Meinung, dass die Anwendung in derzeitigem Zustand einfach und praktikabel nutzbar ist.

Wie sind Sie mit Ihrer Patientenorganisation dazu gekommen, bei dem Projekt mitzuwirken?

Das Thema Gebrauchsinformation beschäftigt mich schon lange. Seit über zehn Jahren arbeite ich mit weiteren Patientenorganisationen und dem Seniorenverband in der AG Beipackzettel. Dabei versuchen wir zusammen mit Pharmafirmen, die Informationen darin verständlich darzustellen – diese sind vielfach in einer Sprache formuliert, die nicht unbedingt jedem zugänglich ist. Dieses Thema konnte aber bei GI 4.0 nicht angegangen werden. Bei der Entwicklung der App waren wir von Anfang an mit mehreren Treffen und Telefonkonferenzen dabei. Letztendlich hat den Hut die Rote Liste auf, denn dort landen alle Beipackzettel – und von dort aus dann direkt in die App.

Vielen Dank für das Gespräch!