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gematik: "Digitales Dach für das Gesundheitswesen"

Der neue Mann an der Spitze der gematik macht Tempo. Dr. Markus Leyck Dieken hat die Geschäftsführung der Behörde im Sommer 2019 übernommen. Was plant er für die gematik, die jetzt in neuer Rechtsform agiert?

Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer der gematik GmbH.

Herr Leyck Dieken, was ist die gematik? Ein Staatsunternehmen mit angeschlossener Selbstverwaltung?

Leyck Dieken: (lacht) Die gematik könnte ein guter runder Tisch aller Gesellschafter werden, um die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen voranzutreiben, weil wir kein Partikularinteresse haben. Die gematik möchte Deutschlands digitales Dach für das Gesundheitswesen werden.

Wie viele Entscheidungen sind denn bisher schon ohne die Zustimmung der Selbstverwaltung getroffen worden?

Keine einzige Entscheidung ist bisher ohne die Zustimmung der Gesellschafter getroffen worden. Man sollte hier auch einen Schritt zurückgehen und die Situation nüchtern betrachten: Digitalisierung hat letztlich mit jedem einzelnen Menschen zu tun. Deshalb ist es richtig, dass die Entscheidung über die Mehrheitsverhältnisse von 51:49 und somit für einen Mehrheitsanteil des BMG im Deutschen Bundestag getroffen und die gematik somit demokratisch legitimiert wurde. Dieser Entwicklung ist ja eine lange Hängepartie vorweggegangen, und das können wir uns gerade im Hinblick auf die Anbindung der Digitalisierung im europäischen Kontext nicht länger erlauben. Hier gilt es, viele klare Entscheidungen zu treffen wie beispielsweise die Konfiguration des National Contact Point, die Annahme von Standards, die Mandatierung von Standards.

Gibt es den weiterhin noch einen Schlichter?

Ja, wir werden die Schlichterstelle fortführen, weil er für einige Aspekte in der Telemedizin weiterhin gebraucht wird.

Minister Spahn sorgt ja momentan schon für ein geringes Erwartungsmanagement, was die ePA angeht. Hauptsache erscheinen, lautet das Motto – auch mit dem Arztbrief als PDF. Wann kann denn der Versicherte die ePA mit allen Features so nutzen, wie wir das anstreben?

Ich glaube, dass jeder Versicherte erst einmal lernen muss, mit der ePA umzugehen. Auch die Version 1.0 ab 2021 wird ihm viele Möglichkeiten dazu geben. Es werden sechs Dateiformate ermöglicht. Ich kann zwar nicht die ganzen Röntgenbilder ablegen, aber ein Foto als PDF und dazu die Information, wann und wo das Bild aufgenommen wurde. Bereits diese Version der Patientenakte erfüllt also einen wichtigen Zweck, denn die ePA ist ein Instrument, das das Gespräch zwischen Arzt und Patient verbessern soll. Sie soll dem Arzt ermöglichen zu sehen, wann welche Befunde erhoben wurden. Er kann sich das aus der ePA holen oder sich dann die datendichteren Infos schicken lassen. Diesen Fortschritt zum heutigen Stand darf man nicht kleinreden. Zum ersten Mal kann der Patient über seine Medikation klar Auskunft geben. Laborwerte können im Verlauf beobachtet werden. Damit ist schon viel gewonnen. Ich persönlich denke, dass der größte Mehrwert sich Jahre später zeigt, wenn auf einen Datenverlauf zurückgegriffen werden kann. Auch die ePA 1.0 wird viele wertvolle Anwendungen bereitstellen. In der Version 2.0 ab 2022 kommt dann das feingranulare Rechtemanagement hinzu, was schon lange von Datenschützern gewünscht wird. Ich glaube, dass nur wenige Patienten dieses feingranulare Rechtemanagement ausüben werden, weil es meist ein fundamentales Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gibt.

Es wird immer wieder betont: „Der Patient ist Herr der Daten auf der ePA“. Ärzte hingegen präferieren eine arztzentrierte elektronische Patientenakte, denn sie befürchten ein „medizinisches Poesiealbum“. Sie sind selbst Arzt. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Ich stehe sehr zum Beschluss des Deutschen Ärztetages, dass man dem Arzt nie auferlegen kann, alle Inhalte gelesen zu haben. Und ich bin auch überrascht, dass es immer noch Debatten darum gibt. Der Gesetzgeber ist diesbezüglich eindeutig. Die Bedenken der Ärzteschaft, der Patient könnte etwas gelöscht haben, teile ich nicht. Er löscht nur in seiner ePA und nicht in Dateien der Ärzteschaft. Hier muss man fairerweise sagen, dass das nicht den Datenaustausch der Ärzte unterbindet. Der Bundestag und auch die Bevölkerung stehen zu dem Grundsatz, dass jeder Mensch die Hoheit über seine Daten haben muss. Eine ePA, in der nicht gelöscht werden könnte, enthält auch ärztliche Fehldiagnosen. Ich habe neulich einen Eintrag von einem Arzt gesehen, der Lungenfibrose diagnostiziert hat. Später wurde das korrigiert als Rechtsherzinsuffizienz, also eine Lungenstauung. Wenn man nicht löscht, dann leiten diese Infos die Assoziationskette des nächsten Arztes in die falsche Richtung. Außerdem denke ich, dass jeder Mensch auch Traumata seines Lebens vergessen können darf. Auch dafür kann eine Löschung sinnvoll sein.

Zahlreiche Krankenkassen planen Apps, die einen Zugang zur elektronischen Patientenakte ermöglichen. Ist das nicht auch der ideale Einstieg für Patienten in das Thema eRezept?

Ja. Bislang ist es datenschutzrechtlich so geplant, dass ich das eRezept auch führen kann, ohne die ePA zu nutzen. Ich kann mich für ein schlankes Programm entscheiden – nur eRezept. Oder für eRezept plus eMP (elektronischer Medikationsplan, Anm. d. Red.), und ich kann mich für eRezept plus eMP plus ePA entscheiden. Aktuell sind es drei isolierte Angebote, und die gematik arbeitet gerade mit hohem Tempo daran, dass diese drei Komponenten in einen automatischen Fluss kommen. Allerdings muss es dazu noch eine kleine gesetzliche Änderung geben, denn derzeit ist das nicht möglich.

Beim Thema eRezept wird bisher „nur“ über die Verarbeitbarkeit in Apotheken gesprochen. Sanitätshäuser befürchten, dass Teile ihrer bisherigen Leistung dorthin abwandern. Wie soll verhindert werden, dass sich durch das eRezept Marktanteile verschieben?

Zunächst muss man anerkennen, dass das eRezept insgesamt Marktverschiebungen auslösen wird. Es gibt bereits gute Kassenprogramme, beispielsweise von der DAK, die sehen wir uns auch an. Hinzu kommt, dass die Physiotherapeuten in die Telematik mit aufgenommen werden sollen. Ich glaube, hier kommt so eine Art Flottenverband zusammen. Wenn die Physiotherapeuten und die orthopädischen Schuhmacher Teil der Telematikinfrastruktur werden, dann wäre sehr viel gewonnen. Denken Sie nur an die physiotherapeutische Verordnung, die oft noch angepasst werden muss. Ähnlich ist es bei Hilfsmitteln.

Das heißt über kurz oder lang könnte man mit dem eRezept auch ins Sanitätshaus gehen?

Ganz genau.

Letzte Frage: Wenn die Koalition jetzt doch noch platzt, was bedeutet das für die gematik?

Die geänderten Mehrheitsverhältnisse in der gematik sind heute Fakt, und das wird nicht mehr rückgängig gemacht. Jede Regierung wird Patientenversorgung via Digitalisierung verbessern wollen. Die Vorstände der bundesweiten Einzelkassen stehen hinter der gematik und wünschen sich wesentlich mehr Schwung in der Digitalisierung. Die Ärzte und Zahnärzte haben ebenfalls viele gute Initiativen. Das spornt uns weiter an. Vielleicht strahlt das auch auf die Regierungskoalition aus.

Kurz nach dem Interview wird ein Sicherheitsleck publik. Deshalb folgende Zusatzfragen auf dem Schriftweg:

Die gematik erlebt gerade einen herben Rückschlag bezüglich der Datensicherheit und wird vom Chaos Computer Club vorgeführt. Was unternehmen Sie, um die Sicherheitslücke bei der Identifikation von Heilberufs- und Praxisausweisen zu schließen?


Die gematik hat angewiesen, die Ausgabe von Praxisausweisen zu stoppen. Die Bundesnetzagentur hat die betroffenen Verfahren bei der Ausgabe von Heilberufsausweisen ausgesetzt. Alle Kartenherausgeber sind zu einem Treffen im Januar eingeladen und wir werden gemeinsam mit diesen über Maßnahmen zur Verbesserung der Beantragungs- und Herausgabeprozesse entscheiden. Zudem wird die gematik aktiv auf die Mitglieder des Chaos Computer Clubs zugehen, um gemeinsam die Sicherheit der Telematikinfrastruktur weiter zu optimieren.

Sicherheit und Vertrauen gehören zusammen. Welchen Schaden hat die aufgedeckte Sicherheitslücke Ihrer Meinung nach in puncto Vertrauensverlust angerichtet?

Datenschutz und -sicherheit haben oberste Priorität beim Aufbau der Telematikinfrastruktur. Die aufgedeckten Schwachstellen sind nicht hinnehmbar. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass die Mängel bei der Kartenausgabe von Mitgliedern des Chaos Computer Clubs entdeckt wurden und behoben werden können. Da sich der Aufbau der Telematikinfrastruktur noch in einer recht frühen Phase befindet und keine Behandlungsdaten gespeichert werden, stellen die Mängel momentan keine Gefahr für die Sicherheit der Patientendaten dar.