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"Unglaublicher Nutzen der Digitalisierung"

Im Interview spricht Prof. Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub (hih) in Berlin, über die Chancen der Digitalisierung für Patienten und seine persönliche Motivation, durch den hih die Weichen für eine neue Ära im Gesundheitssystem zu stellen.

Prof. Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub in Berlin.

Welche Möglichkeiten für die Zukunft gibt es, Digitalisierung zu nutzen?

Debatin: Bereits heute wirkt sich die Digitalisierung in zunehmend dominanter Weise auf unseren Alltag aus. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, da sich die technischen Grundlagen der Digitalisierung rasant weiterentwickeln. So verdoppelt sich die weltweit verfügbare Rechenleistung alle 15 Wochen. Über einen 5-Jahreszeitraum bedeutet das eine Steigerung um den Faktor 300.000.
Es ist daher nicht überraschend, dass die Digitalisierung auch in der Medizin eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Dabei ist es wichtig, die Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern immer nur als Mittel zum Zweck einer besseren Gesundheitsversorgung der Menschen zu verstehen.
Der mögliche Nutzen dieser Querschnittstechnologie in der Medizin ist breit angelegt. Zunächst geht es durch die bessere Verfügbarkeit von Daten um eine umfassendere und schnellere Kommunikation, mehr Transparenz und eine gezieltere Vermittlung von Wissen. Patienten wollen mitsprechen und mitentscheiden – Digitalisierung ermöglicht den Menschen basierend auf ihren eigenen Gesundheitsdaten eine Interaktion mit den Ärzten auf Augenhöhe. Deshalb müssen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass die Menschen auf ihre eigenen Daten zugreifen können. Damit wird die Medizin entmystifiziert und deutlich transparenter gestaltet.

Geht die Digitalisierung bisher an den Bedürfnissen der Patienten vorbei?

Nein, so kann man das nicht formulieren. Treffender ist die Feststellung, dass die Potentiale der Digitalisierung bezogen auf die Bedürfnisse der Menschen noch lange nicht ausgeschöpft sind.
Bereits heute haben wir in Deutschland eine hervorragende Gesundheitsversorgung. Sie beruht auf wichtigen Werten, wie der freien Arzt-, Krankenhaus- und Krankenkassenwahl, sowie dem Selbstverständnis: „Meine Daten gehören mir“. Im globalen Wettbewerb zeichnen uns diese Werte aus. Wir wollen sie nicht auf dem Altar der Digitalisierung opfern. Insofern geht es auch immer darum, dass wir das, was gut ist, erhalten.

Welche digitalen Bedürfnisse gibt es also?

Es geht um das Bedürfnis nach einer bestmöglichen Gesundheitsversorgung. Dabei können digitale Prozesse einen großen Gewinn für die an der Behandlung Beteiligten darstellen. Das beginnt bei den Menschen, die eine kontinuierliche Betreuung benötigen, und geht bis hin zu einer effizienten Terminvergabe und Praxisorganisation. Digitale Erinnerungen können an die korrekte Einnahme von Medikamenten erinnern oder Angehörige mit Informationen und Hilfestellung bei der Pflege ihrer Angehörigen versorgen.
Erheblichen Nutzen wird die Digitalisierung auch beim Management chronischer Erkrankungen entfalten. Bei diesen Patienten bauen sich medizinische Krisen meist über einen längeren Zeitraum auf. Mit neuer Sensorik und smarter digitaler Auswertung können diese Krisen früher erkannt und geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Und so lässt sich die Liste von Alltagsbeispielen mit einem direkten Einfluss auf Behandlungsqualität und Miteinander beinahe endlos weiterentwickeln.


Gibt es konkrete Beispiele, wie Patienten schon jetzt von der Digitalisierung profitieren?

Ja, aber natürlich. Medizin und Gesundheitsversorgung sind schon heute ohne Digitalisierung überhaupt nicht mehr denkbar. Es gibt Programme, die die medikamentöse Therapie chronisch erkrankter Menschen optimieren. Im Einsatz sind digitale Diabetes-Tagebücher, die den Patienten ordentlich einstellen, und so Unter- bzw. Überzuckerung verhindern etc. Oder die App „Was hab‘ ich“ gibt jedem Menschen die Möglichkeit, zu übersetzen, was im Arztbrief eigentlich gemeint ist. In dem Zusammenhang finde ich es gut, dass das Bundesministerium für Gesundheit daran arbeitet, ein Gesundheitsportal zu entwickeln, um diesen Informationsfluss auch qualitativ zu sichern.

Können Sie ein weiteres Beispiel nennen?

Ein Patient bekommt eine Hüftprothese und wird nach Hause entlassen. Er geht zum Physiotherapeuten – das macht er nicht mehrfach an jedem Tag, sondern höchstens einmal alle drei Tage. Hier kann eine App eine persönliche Gesundheits-Coach-Rolle übernehmen, die den Patienten kontinuierlich betreut, auch zwischen den Physiotherapie-Besuchen. Und so gibt es zahlreiche niederschwellige Angebote, zum Beispiel auch Dokumentationstagebücher wie bei Multipler Sklerose, die schlimme Schübe ankündigen. Wenn Sie einen Patienten fragen, wie er sich vor zwei Wochen gefühlt hat, weiß er das nicht mehr so genau. Es sei denn, er hat es dokumentiert. Das auf Papier zu machen, ist ziemlich mühsam – über eine App ist es erheblich einfacher.

Inwieweit spielt der Arzt hier eine Rolle?

Diese Informationen können dem Arzt verfügbar gemacht werden, ohne dass der Patient beim Arzt sein muss.

Welche Gefahren sehen Sie beim Thema Apps?

Die Einschätzung des Nutzens und der Gefahren ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Grundsätzlich ist es so, dass bei Daten und großen Datenmengen immer die Gefahr von Missbrauch besteht. Insofern ist es entscheidend in dieser Diskussion, eben auch über den Nutzen zu sprechen. Es geht um eine Abwägung des Nutzens gegen potentielle Gefahren. Diese Entscheidung ist sehr persönlich. Deshalb finde ich die Festlegung des Gesetzgebers ausgesprochen positiv, dass jeder für sich selbst entscheiden kann, ob er eine elektronische Patientenakte hat oder Apps nutzt.

Sind Sie beim hih mit Patienten im Gespräch und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Alles was wir tun, jedes Thema, das wir bewegen, stellt den Patienten und die Verbesserung der Versorgung in den Mittelpunkt. Sei es die Arbeit an der ePA, das Thema Forschungsdaten, digitale Unterstützung der Pflege oder Künstliche Intelligenz.
Es gibt zwei Erfahrungsbereiche, die mich motivieren. Als Arzt und Klinikmanager habe ich erlebt, welchen enormen Nutzen die Digitalisierung bringt. Wenn Sie diesen Nutzen und das Outcome für die Patienten sehen, dann ist das sehr überzeugend. Gleichzeitig schafft es eine unglaubliche Entlastung für die Mitarbeiter. Es ist ein rundum positiver Effekt, der aber auch mit viel Veränderung verbunden ist.

Welcher weitere Bereich motiviert Sie?

2017 musste ich aufgrund einer komplexen Erkrankung 36 Wochen im Krankenhaus verbringen. Diese Erfahrung hat mich stark geprägt. Viel zu oft habe ich gemeinsam mit meinen Ärzten die Erfahrung machen müssen, dass ein umfassender Daten- und Informationsfluss nicht gewährleistet war und damit nicht die richtigen Entscheidungen getroffen werden konnten. Aus dieser Erfahrung ziehe ich persönlich viel Motivation. Mein Ziel ist es, Anderen diese negativen Erfahrungen zu ersparen. Dabei werden digitale Prozessunterstützungen sehr wertvoll sein.

Was ist der wichtigste Digitalisierungstrend im Gesundheitswesen?

Digitale Gesundheitsanwendungen beruhen auf der Verfügbarkeit einer Datenplattform. Deshalb ist die Einführung der elektronischen Patientenakte zum 1.1.2021 so wichtig. Sofern der Patient einwilligt, werden medizinische Daten über einen längeren Zeitraum sektorenübergreifend zusammengefügt. Dadurch wird die elektronische Patientenakte eine enorme Wirksamkeit entfalten. Daten gehen nicht mehr verloren und machen die Behandlung besser.

Wieviel Digitalisierung verträgt die Medizin?

Wie schon gesagt: Digitalisierung dient keinem Selbstzweck, sondern erfüllt ihre Daseinsberechtigung nur, wenn sie Möglichkeiten schafft, die Versorgung und Medizin zu verbessern. Digitalisierung muss entmystifiziert werden: Es ist eine Technologie, die die Medizin sehr grundsätzlich verändern wird. Jetzt gilt es, die Grundlagen zu schaffen, um die damit verbundenen Chancen im Interesse einer besseren Patientenversorgung zu nutzen. Das ist es, was uns im hih zum Ticken bringt.

Was verspricht sich das BMG vom hih?

Das müssten Sie eigentlich natürlich das BMG fragen. Aus meiner Sicht denke ich, wir haben die Aufgabe, die Möglichkeiten der Digitalisierung weiter auszuloten sowie Ideen und Konzepte zur Gestaltung der Versorgung und für die digitale Transformation zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen auch die Vernetzung der Akteure sowie das Schaffen der Akzeptanz durch Aufzeigen der gesellschaftlichen Relevanz. Denn sehen Sie, Patientinnen und Patienten, Pflegende, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Apothekerinnen und Apotheker, Angehörige – sie alle profitieren bereits heute von der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Tatsächlich wird jedoch von dem technologischen Potenzial nur ein Bruchteil genutzt. Und das möchten wir gerne, da wo es sinnvoll ist, ändern und verbessern.

Die Existenz des hih ist auf den 31.12.2021 begrenzt, könnten Sie jetzt schon Bilanz ziehen, was der hih im ersten Jahr erreicht hat?
Es gibt uns nun seit 9 Monaten. In der Zeit ist es gelungen, ein hervorragendes interdisziplinäres Team bestehend aus 14 Experten zusammenzustellen. Alle eint tiefes Fachwissen, breite Erfahrung von der medizinischen „Front“ mit Ärzten, Pflege und einem Apotheker, und einer riesigen Motivation, die Gesundheitsversorgung der Menschen mit digitalen Technologien zu verbessern. Ich empfinde es als ausgesprochenes Privileg, mit diesem Team zusammen arbeiten zu dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch!