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Digitalisierung: Patienten aufgeschlossen für neue Technologien

Die Nutzer von digitalen Angeboten der Gesundheitsversorgung möchten überwiegend eine aktivere Rolle bei medizinischen Entscheidungen einnehmen. Dies ist ein Ergebnis einer Studie, die der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) bei forsa in Auftrag gegeben hat.

Laut Experten müssen Nutzer in die Lage versetzt werden, Apps kompetent auszuwählen.Die Ergebnisse diskutiert der vzbv auf der verbrauchspolitischen Veranstaltung „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ gemeinsam mit Experten aus Politik, Gesundheitswirtschaft, Krankenkassen, Ärzteschaft und Verbraucherschutz. Im Fokus stehen dabei Bedürfnisse der Patienten und Anforderungen an einen erfolgreichen Digitalisierungsprozess. „Patienten brauchen Orientierung hinsichtlich der Qualität neuer digitaler Angebote. Dafür sind verlässliche Regeln und Transparenz unerlässlich. Patienten müssen verstehen können: Welche Angebote gibt es und welche sind wirklich nützlich?“, so Klaus Müller, Vorstand des vzbv.

Datenschutz ist für die meisten sehr wichtig

Dreiviertel der Befragten begrüßt die Digitalisierung und sehen Vorteile hinsichtlich Zeitersparnis, Beschleunigung von Diagnostik und Therapie, einer besseren Informationslage und bedarfsgerechten Hilfestellungen für Patienten.
Datenschutz ist für die Befragten ein wichtiges Thema und viele bezweifeln, dass sie als Nutzer tatsächlich die Autonomie über ihre Daten haben, beziehungsweise behalten werden.

Laut forsa haben viele Patienten das Gefühl, gut versorgt und aufgehoben zu sein. Doch bei der Mehrheit herrscht der Eindruck vor, immer mehr Geld und Zeit zu investieren und immer weniger an Leistungen und vor allem an Aufmerksamkeit zu erhalten. Die empfundene distanzierte Kommunikation oder der fehlende Informationsfluss hinterlässt das Gefühl der Geringschätzung und führt zu Unsicherheit und Angst vor Fehldiagnosen und Fehlentscheidungen.

Differenzierte Meinung beim Thema „Patientenakte“

Die Mehrheit der Befragten will Zugang zur ärztlichen Dokumentation und wünscht sich zusätzlich zum persönlichen Arztkontakt digitale Versorgungsangebote wie die Videosprechstunde, die Kommunikation mit dem Arzt per E-Mail oder App (lesen Sie dazu auch „Baden-Württemberg: Modellprojekt zur Fernbehandlung startet“). Insgesamt ist eine große Aufgeschlossenheit gegenüber neuen technischen Möglichkeiten bei den Nutzern zu konstatieren, wenn gleichzeitig gewohnte Versorgungsangebote aufrecht erhalten bleiben. Die Studie zeigt, dass viele Patienten sehr differenzierte Urteile zum Thema Patientenakte abgeben. Überwiegend wollen die Befragten nicht, dass nachbehandelnde Ärzte wahllos alle Daten der Vorbehandler sehen können. Sie wollen selbst entscheiden, welcher Arzt welche Daten sieht.

Weitere Studie zeigt Patienteninteresse am Thema

Bei einer zusätzlichen vom vzbv beauftragten repräsentativen Befragung durch TNS Emnid sagten 54 Prozent der 1.013 Befragten, dass sie Zugang zur ärztlichen Dokumentation über eine elektronische Patientenakte haben möchten. Bei den 40- bis 59-Jährigen lag diese Zustimmungsrate sogar bei 60 Prozent. Digitale Angebote zusätzlich zum persönlichen Patienten-Arzt-Kontakt fanden bei dieser Befragung 43 Prozent wichtig. Auch bei dieser Frage war die Zustimmung bei den 50- bis 59-Jährigen mit 54 Prozent deutlich größer.

E-Health soll Versorgung ergänzen, nicht ersetzen

E-Health würde viele Chancen bieten, die Patienten Vorteile bringen können, etwa durch eine schnelle und bedarfsgerechte Versorgung der Patienten, Zeitersparnis und bessere Kommunikation mit dem Arzt: „E-Health hat das Potenzial für eine ergänzende oder alternative Versorgung, etwa über Fernbehandlungen. Das schafft Wahlfreiheit und verkürzt lange Wege, etwa für Patienten im ländlichen Raum“, so Klaus Müller.
Für ergänzende innovative digitale Ansätze der Diagnostik und Behandlung bräuchte es aber verlässliche Regeln. Das gelte sowohl für die Qualität digitaler Angebote als auch für den Schutz der Patientendaten. „Der vzbv unterstützt die digitale Entwicklung im Gesundheitsbereich, wenn gewohnte analoge Versorgungsangebote auch weiterhin bestehen bleiben“, so Müller.

Was fordert der vzbv?

Sinnvolle Medizin-Apps können dem vzbv zufolge den medizinischen Versorgungsalltag in Deutschland ergänzen und verbessern. Dafür müssten sie von Ärzten verordnet und von den Krankenkassen flächendeckend erstattet werden. Voraussetzung dafür sollte die Zulassung als Medizinprodukt sein. Das Zulassungsverfahren könnte unkompliziert durch eine offizielle Instanz erfolgen, die Medizin-Apps mit Blick auf ihre medizinische Wirksamkeit, technische Leistungsfähigkeit und die Einhaltung von Qualitätsstandards und Datenschutz überprüft.

Welche Apps als Medizinprodukt zugelassen sind, welchen Nutzen sie bringen und welche Krankenkassen sie finanzieren, sollten Verbraucher auf einem nationalen Transparenzportal im Internet erfahren. Über ein solches Portal könnte auch der Zugang zu den eigenen medizinischen Daten ermöglicht werden.
Wenn Verbraucher Medizin-Apps nutzen, sollten sie auch selbst Zugriff auf ihre medizinischen Daten haben und bestimmen können, wem sie noch zugänglich sind. Verbraucher müssen die Möglichkeit haben, den Einsatz von Medizin-Apps abzulehnen. Bei der Entwicklung von Anwendungen sind die Interessen von Patienten stärker zu berücksichtigen.

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