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Patientenbeauftragte begrüßt Medizininformatik-Initiative

Um innovative Therapien zu entwickeln und Krankheiten zielgerichteter heilen zu können, braucht es digitale Gesundheitsdaten für die medizinische Forschung. Die Frage ist: Wie können Patienten in diesen Prozess eingebunden werden? Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Claudia Schmidtke, erklärt auf einem Workshop in Berlin, worauf es bei der Datennutzung von Patienten ankommt.

Prof. Claudia Schmidtke, Patientenbeauftragte der Bundesregierung.

Die Medizininformatik-Initiative (MII), ein bundesweites Förderprojekt, will Patientendaten, die während eines Klinikaufenthalts entstehen, bundesweit digital vernetzen. So könne mit diesen Daten geforscht werden, um Krankheiten zukünftig schneller und besser heilen zu können, wie Sebastian Semler von der Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF) in dem Workshop deutlich macht. Die TMF ist Teil einer Koordinationsstelle, die für die nationale Abstimmung der Entwicklungen innerhalb der MII zuständig ist. Das Projekt will die Forschungsmöglichkeiten und Patientenversorgung durch innovative IT-Lösungen verbessern – diese sollen es ermöglichen, dass Daten aus Krankenversorgung, klinischer und biomedizinischer Forschung über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg ausgetauscht werden können. In einem ersten Schritt werden an Universitätskliniken und Partnereinrichtungen Datenintegrationszentren aufgebaut und vernetzt. In diesen Zentren werden die Voraussetzungen geschaffen, um die weiterhin vor Ort sicher gespeicherten Forschungs- und Versorgungsdaten standortübergreifend verknüpfen zu können. Beispiele erster Anwendungsfälle sind Infektionskontrolle, leitliniengerechter Einsatz von Antibiotika oder die Verbesserung von Versorgungsabläufen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die MII zunächst bis 2021 mit rund 160 Millionen Euro.

Digitale Vernetzung birgt große Chance

Im Zuge der Datennutzung von Patienten stellen sich Fragen der Rechtsgrundlagen und des Datenschutzes. Die Patientenbeauftragte Schmidtke geht im Workshop auf diesen Punkt ein. Zunächst bezeichnet sie die MII als einen „unverzichtbaren Baustein der Digitalisierung unseres Gesundheitswesens“. Gesundheitsdaten würden eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz spielen. Schmidtke betont: „Die deutschlandweite Vernetzung der Routinedaten unserer Gesundheitsversorgung birgt eine sehr große Chance, um Krankheiten im gesamten Spektrum – von den großen Volkskrankheiten bis hin zu seltenen Erkrankungen – besser und frühzeitiger erkennen und behandeln zu können.“ Bedingung dafür sei die Schaffung der rechtlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen der Forschung an großen qualitativ hochwertigen Datenmengen, „eine große Herausforderung dieser Wahlperiode“. Die Perspektive der Patienten sei ihr am wichtigsten: Die Bereitschaft, die eigenen Gesundheitsdaten für die Forschung freizugeben, hänge davon ab, „dass wir ihre Rechte zum Beispiel auf Schutz der eigenen Privatheit oder auf umfassende Informationen ernst nehmen“, sagt sie.

Unverzichtbar: Ausreichende Datenschutz- und Sicherheitsstandards

Patienten müssten laut Prof. Schmidtke darauf vertrauen können, dass ihre Gesundheitsdaten tatsächlich der Forschung zugutekommen und dass sie nicht missbraucht werden. Wesentliche Voraussetzungen für das Vertrauen seien ausreichende Datenschutz- und Sicherheitsstandards. Dabei müsse der rechtliche Rahmen ganz klar definiert sein. Die Daten seien das Eigentum der Patienten, sie entscheiden allein über deren Nutzung. „Alle Beteiligten müssen äußerst verantwortungsbewusst handeln. Wenn jedoch gegen Regeln verstoßen wird oder missbräuchliche Datennutzung stattfindet, dann wird Vertrauen zerstört und wir wissen, Vertrauen kann man sehr leicht verspielen, aber es ist sehr schwer und nur ganz mühsam wieder zurückzugewinnen“, sagt sie.

Digitale Angebote: Weg in die Regelversorgung

Ziel müsse es sein, den „mündigen Patienten als informierten Manager seiner eigenen Gesundheit und natürlich auch seiner Krankheit wahrzunehmen, auf seine Fragen einzugehen und alle für den jeweiligen Fall relevanten Informationen auszutauschen“, meint Schmidtke. Es sei wichtig, Patienten auch mögliche Risiken der Forschung zu erläutern. Digitalisierung sei ganz klar kein Selbstzweck; sie müsse den Patienten zum Nutzen sein und entsprechend gestaltet werden. „Ich bin froh, dass Gesundheitsminister Jens Spahn mit dem vorgelegten Entwurf des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) die entsprechenden Rahmenbedingungen angeht. Mit dem Entwurf wird vor allem ein überaus deutliches Signal an alle Beteiligten ausgesendet, dass digitale Anwendungen und Innovationen ausdrücklich gewünscht und unterstützt werden.“ Ein weiteres Ziel muss es sein, den digitalen Angeboten einen Weg in die Regelversorgung zu ermöglichen, die einen konkreten Mehrwert haben – „für eine leistungsfähige und effiziente Versorgung der Patienten und zur Erhöhung auch ihrer Lebensqualität beitragen“. Das gelte unter anderem auch für die Gesundheits-Apps – diese können sich die Versicherten laut DVG-Entwurf zukünftig auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung von ihren Ärzten verschreiben lassen.

Entscheidung beim einzelnen Patienten

Patienten solle aber laut Schmidtke vor allem die Möglichkeit gegeben werden, digitale Angebote flächendeckend nutzen zu können. Aus diesem Grund sehe das Digitale-Versorgung-Gesetz eine Verpflichtung für Apotheken und Krankenhäuser vor, sich an die Telematikinfrastruktur anschließen zu lassen. Konsequent sei auch, die Rahmenbedingungen für Videosprechstunden zu verbessern. Ärzte sollen künftig auf ihrer Internetseite über derartige Angebote auch informieren können. Die ursprüngliche im Digitale-Versorgung-Gesetz vorgesehenen Überlegungen – die elektronische Patientenakte so zu gestalten, dass Patienten ihre Daten freiwillig für die medizinische Forschung zur Verfügung stellen können, hält Prof. Schmidtke für einen sehr guten Ansatz, „um die richtige Balance zu finden“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn habe bereits angekündigt, zeitnah ein Datenschutzgesetz für die elektronische Patientenakte vorzulegen: „Ich begrüße das außerordentlich, weil so sichergesellt werden kann, dass der einzelne Patient Herr seiner Daten bleibt und wir Rechtsicherheit für Versorgung und Forschung gleichermaßen sicherstellen, denn das hat für mich oberste Priorität bei der fortschreitenden Digitalisierung des Gesundheitswesens.“ Sie erläutert: „Nur, wenn Patientinnen und Patienten zustimmen, sollten wir ihre Daten auch für die Forschung verwenden. Ich sage ganz bewusst, dass die Entscheidung beim einzelnen Patienten liegt.“