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70 Jahre WHO: Mehr Prävention und Aufbau von Gesundheitsstrukturen gefordert

Mehr Prävention, eine Stärkung der Gesundheitsstrukturen in Entwicklungsländern und weniger Einfluss von Geldgebern fordern die Podiumsgäste einer Veranstaltung des Zeitverlags zum 70-jährigen Jubiläum der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

v.l. Andreas Senkte (Die Zeit), Prof. Detlev Ganten (Präsident World Health Summit), Dr. Inga Osmers (Ärzte ohne Grenzen), Ulrich Blumenthal (Deutschlandfunk)

Die WHO habe zur Ausrottung von Pocken und Polio beigetragen, reagiere bei Krisen schneller als früher und müsse sich künftig mehr auf dem Gebiet der nichtübertragbaren Krankheiten engagieren, sind sich die Teilnehmer einig. „Die WHO sollte eher Normen und Standards setzen. Sie ist aber nicht die Erstinstanz, die angerufen werden sollte, wenn zum Beispiel Ebola ausbricht“, sagt Inga Osmers, Leiterin Berlin Medical Unit, Ärzte ohne Grenzen/Médicins Sans Frontières (MFS). Nach einer Katastrophe müsse es zunächst autarke Strukturen geben, die die Arbeit machen, da oft die nötige Infrastruktur fehle. Erst später könne die Hilfe zentral gesteuert werden.

Reiner Merkel bei einer Lesung auf dem Erlanger Poetenfest 2012„Die WHO hat aus ihren Fehlern gelernt und ist heute schneller alarmiert“, sagt Schriftsteller Rainer Merkel. Das System kranke daran, dass der Fokus auf einzelne Krankheiten gelegt und auf schnelle Vorzeigeprojekte gebaut werde, weniger darauf, die Strukturen in den betroffenen Ländern zu ändern. „Wir müssen schauen, wie wir Gesundheitssysteme stärken“, so Merkel. Die lokalen Akteure vor Ort würden nicht unterstützt, sondern Programme aufgelegt. Anstelle dessen müsse Vertrauen bei regionalen und lokale Akteuren geschaffen werden, diese informiert und aufgeklärt werden.

Public Health: Deutschland als Vorreiter

„Wenn man eine Organisation mit Aufgaben überfordert, kann sie nur enttäuschen“, meint Prof. Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit. Wenn eine Katastrophe ausbreche, seien zuerst lokale Kräfte vor Ort gefragt zu reagieren. Die WHO sollte hingegen Nationen und Regionen in die Lage versetzen, mit Notlagen umzugehen. Dazu müssten vorab Experten in die betroffenen Länder geschickt werden. In jedem Land müsse es eine ausreichende Gesundheitsstruktur geben. Diese aufzubauen, sei eine große Aufgabe. Deutschland nehme hierbei eine immer wichtigere Rolle ein, sei hier Vorreiter und „muss seinen Reichtum einsetzen, um gesundheitliche Stabilität der Länder um uns herum her- und sicherzustellen“, so Ganten.

Hälfte der Menschheit hat keinen Zugang zu lebensrettenden OPs

Prof. Detlev GantenFünf Milliarden Menschen – mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung – hätten heute keinen Zugang zu chirurgischen Eingriffen, so Osmers. 830 Frauen würden täglich im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt sterben, etwa 90 Prozent könnten mit chirurgischen Operationen gerettet werden. „Dafür braucht es aber Krankenhäuser, Personal, ausgebildete Mediziner“, sagt die Chirurgin. Außerdem dürfe die Behandlung nicht so teuer sein, dass sich Patienten dafür lebenslang verschulden. Auch bei der Aufklärung etwa beim Thema Impfen könne die WHO viel tun und eine Bereitschaft vor Ort schaffen, der Medizin zu vertrauen. Durchgeführt werden müsse dies aber von lokalen Akteuren, von Nachbarn.

WHO-Finanzierung in der Kritik

„Die WHO-Agenda darf nicht von einem Bill Gates gesetzt werden“, sagt Osmers. Nachteil bei privaten Financiers sei es, dass der Fokus auf spezielle Erkrankungen gelegt werde – wie Malaria, HIV, Tuberkulose. „Hat man die globale Gesundheit im Blick, stoßen private Organisationen an Grenzen, wenn es um die Stärkung lokaler und regionaler Strukturen geht“, konstatiert die Ärztin. Zu viele Projekte würden mit Vorgaben finanziert und seien mittelgebunden.

Als einer der größten Spender der WHO übe Bill Gates eine große Kontrolle aus, wie die Organisation sich engagiere, sagt Merkel. Wenn sich die WHO das Heft aus der Hand nehmen lasse, habe das katastrophale Folgen für die Weltgesundheit. „Gates und Co. müssen daher aus Projekten der WHO ausgeschlossen werden“, lautet seine radikale Forderung. „Wir brauchen die Industrie, die großen Geldgeber, wir brauchen aber auch eine Koordination der Geldströme über die WHO“, meint dagegen Ganten. Doch Geld helfe nicht immer. In die falschen Strukturen investiert, könne es Schaden anrichten. Zum Beispiel würden zu viele Antibiotika in Indien verordnet, mit der Folge, dass sich Resistenzen bildeten.

Herausforderungen der Zukunft

Sitzungsraum des Exekutivrats der WHO in GenfAnstelle von Infektionskrankheiten spielten nicht ansteckende Volkskrankheiten der westlichen Industrienationen wie Diabetes, Bluthochdruck und Schlaganfall künftig eine immer größere Rolle auch in den Entwicklungsländern, so Osmers.
Mit effizienteren Strukturen und guten Frühwarnsystemen könne viel erreicht werden, meint Ganten. Die kurative Medizin sei wichtig, wichtiger aber sei die Prävention. „Wir können nicht sieben Milliarden Menschen kurieren, da werden wir scheitern“, sagt er. Die Bekämpfung von Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Leiden, mentalen Erkrankungen wie Depression – die sozial nicht anerkannt seien – wären künftig die großen Herausforderungen der WHO, so Ganten.