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Kinderärzte fordern Zuckersteuer und Kennzeichnung von Lebensmitteln

Kinder aus sozial benachteiligten Familien leiden öfter an Übergewicht und haben damit erhöhte lebenslange Krankheitsrisiken für Diabetes, Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie die Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG) fordern von der Politik neue Konzepte für den Schutz vor Fettleibigkeit.

Krankhaftes Übergewicht (Adipositas) bei Kindern und Jugendlichen führt zu stark erhöhten lebenslangen Krankheitsrisiken wie etwa Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall und einigen Krebsarten sowie zu einer deutlich kürzeren Lebenserwartung. „Die dramatische Zunahme der deutlich schlechteren Gesundheits- und Lebenschancen für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommens- und Bildungsstand ist nicht akzeptabel. Wir dürfen diese Kinder keinesfalls zurücklassen, sondern müssen stärkere Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern einen guten Start in ihre Zukunft zu ermöglichen“, sagt Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der DGKJ und der DAG. Angesichts der stagnierend hohen Zahlen an adipösen Kindern und Jugendlichen fordern die drei medizinischen Verbände effiziente Maßnahmen zur Risikoreduktion von der Politik.

Ungesunde Ernährung ist der größte Risikofaktor für kindliches Übergewicht.Zwar ist die Gesamtzahl an Kindern mit ernsten Gewichtsproblemen in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben, aber die soziale Ungleichheit für das Auftreten von krankhaftem Übergewicht hat im letzten Jahrzehnt sehr stark zugenommen: Die nationale Kinder- und Jugendgesundheitsuntersuchung (KIGGS) nennt bei Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien eine 4,1-fach höhere Adipositas-Häufigkeit bei Jungen – bei Mädchen ist das Risiko sogar 4,4-fache höher als in Familien mit hohem Bildungsgrad und Einkommen. Vor einem Jahrzehnt betrug dieser Unterschied noch das dreifache.

Einfache Kennzeichnung von Lebensmitteln

Da der größte Risikofaktor für kindliches Übergewicht eine ungesunde Ernährung ist, sollte hier zuerst angesetzt werden: „Von der Politik gesetzte Regeln sollten beim Essen die gesündere Wahl zur leichteren Wahl machen, womit das Adipositasrisiko deutlich gesenkt werden kann“, sagt Prof. Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der DGKJ. „Bei der Einführung von verhältnispräventiven Maßnahmen zur Stärkung eines gesundheitsfördernden Lebensstils liegt Deutschland im internationalen Vergleich leider noch in der Schlussgruppe.“

Dringend notwendig sei eine Kennzeichnung gesünderer Lebensmittel auf der Packungsvorderseite, wie es Frankreich mit dem „Nutriscore“ eingeführt habe, fordert Prof. Berthold Koletzko, Vorsitzender der DGKJ-Ernährungskommission. Mit dem Nutriscore werden Lebensmittel vor allem aufgrund des Gehaltes an Zucker, gesättigtem Fett und Salz mit einem Buchstaben- und Farbcode gekennzeichnet, ganz ähnlich der in Europa seit langem etablierten Kennzeichnung des Energieverbrauchs bei Elektrogeräten.
Thomas Fischbach rät Familien bis zur allgemeinen Einführung des Nutriscore in Deutschland eine App wie „Open Food Facts“ auf das Handy zu laden und damit im Supermarkt den Barcode der Produkte zu scannen. „Eltern erhalten dann sofort den Nutriscore für das Produkt und können damit ganz einfach die gesünderen Produkte für ihre Kinder und die ganze Familie auswählen“, sagt Fischbach.

Steuer auf zuckerhaltige Getränke

Eine Besteuerung zuckerhaltiger Getränke, wie es sie in Großbritannien, Mexiko und vielen anderen Ländern bereits gibt, könne zudem die gesündere Getränkeauswahl erleichtern. „Wir hoffen sehr auf die Bereitschaft der Politik zu konsequenten Maßnahmen, denn die Lasten des heute bestehenden kindlichen Übergewichts für Krankheitsfolgen und eingeschränkte Lebenschancen sind enorm hoch“, sagt Koletzko. „Allein die Gesundheitskosten für die heute in Deutschland übergewichtigen Kinder und Jugendlichen belaufen sich auf 1,8 Milliarden Euro. Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun!“

Mindeststandards für das Mittagessen in Kita und Schule

Die drei Organisationen fordern, in allen Bildungseinrichtungen von der Kinderkrippe bis zur Sekundarschule Mindeststandards für eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung verpflichtend einzuführen. Ein gesundes Essen in Kita und Schule habe nicht nur unmittelbar einen großen Nutzen für die kindliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit, sondern präge langfristig ein gesünderes Essverhalten, sind sich die Organisationen einig.

„Auch in Deutschland muss die Abgabe von zuckerhaltigen Getränken in Kita und Schule strikt unterbunden werden, so wie es zum Beispiel in Belgien und Frankreich seit langem selbstverständlich ist“, sagt Susanna Wiegand von der DAG. Viele wissenschaftliche Studien belegten, dass regelmäßiger Verzehr von zuckerhaltigen Getränken ein starker eigener Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas sei: „Kinder sollen lernen, Wasser zu trinken, um ihre Gesundheit zu schützen.“

Kontrolle der Lebensmittelwerbung für Kinder

Gefordert wird außerdem eine konsequente Beschränkung der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung. Wiegand: „Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Kinder, die der Lebensmittelwerbung ausgesetzt sind, verzehren mehr ungesunde Speisen und Getränke, und sie sind häufiger von Übergewicht, Adipositas und den damit verbundenen Krankheiten betroffen.“