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15. November 2018

Plasma: Zu wenig für alle

 
Obwohl mittlerweile mehr Plasma- als Blutspenden gebraucht werden, ist das Wissen rund um den Plasmabedarf noch immer unzureichend, kritisiert Dr. Kirsten Seidel von der Firma CSL Plasma beim „Forum Seltene Erkrankungen - Sonderfall Biotherapeutika“ in Berlin. Die Selbstversorgung könnte schon 2018/19 gefährdet sein.

Dr. Kirsten Seidel von der Firma CSL Plasma. (© pag, Fiolka)
Blutplasma werde laut Seidel noch immer als Nebenprodukt verstanden – die deutschen und europäischen Richtlinien seien noch immer auf die Gewinnung von Vollblut spezialisiert. Die medizinische Direktorin verlangt, dass Deutschland und Europa Anstrengungen unternehmen, um mehr Plasma durch Plasmapherese – der Prozess zur Gewinnung von Blutplasma – zu generieren und fordert eine Plasmarichtlinie: Damit würden weniger potenzielle Plasmaspender abgelehnt. Denn: Bisher werden diese nach den Vorgaben der Blutspende beurteilt, wodurch pro Jahr tausende potenzielle Spender verloren gehen.

Plasma ist die Flüssigkeit des Blutes, die übrig bleibt, wenn man die Blutzellen entfernt – es besteht zu 90 Prozent aus Wasser, 10 Prozent aus Salzen, Mineralien und Hormonen. Es gibt über 2.500 verschiedene Eiweiße im Blutplasma mit jeweils eigener Funktion. „Das Nichtvorhandensein bestimmter Eiweiße führt oft zu schwersten Erkrankungen bis hin zum Tod“, sagt Seidel. Eiweiße bleiben bis zu 36 Monate haltbar, was sich die Plasmaindustrie zu Nutze mache, indem daraus Biotherapeutika plasmatischen Ursprungs hergestellt werden.


Hohe Dunkelziffer vermutet

Doch wieviel Plasma wird eigentlich benötigt? Einige Beispiele erläutert Seidel: „Hat ein Bluter das 75. Lebensjahr erreicht, benötigte er im Lauf seines Lebens etwa 150.000 bis 180.000 Spenden. Um sich das vorstellen zu können: Das sind mehrere Schwimmbäder voll“, verbildlicht sie. Ein 75-jähriger Immundefizienter hatte etwa 100.000 Plasmaspenden im Laufe seines Lebens. Ein Verbrennungsopfer dritten Grades benötigt 1.000 bis 2.000 Plasmaspenden. Um ihre körpereigene Abwehr zu unterstützen, brauchen derzeit etwa 10.000 Menschen in Deutschland Immunglobuline. Seidel vermutet jedoch eine höhere Dunkelziffer. Albumin und Fibrin für Hauttransplantationen werde von etwa 5.000 Patienten im Jahr in Deutschland benötigt.

Blutbedarf sinkt, Plasmabedarf steigt

Plasmaproteine können nur aus menschlichem Blutplasma gewonnen werden. In Deutschland wird immer mehr Blutplasma benötigt, doch die Vollblutspenden sinken seit 2013, da immer weniger Vollblut gebraucht wird. Besonders brisant: Seit 2010 ist der Immunglobulinbedarf um 246 Prozent gestiegen – Indikationen hierfür seien laut Seidel Abwehrschwächen des Körpers und seltene Erkrankungen. Zudem würden täglich neue Indikationen hinzukommen. Wenn der Immunglobulinverbrauch weiter steige und die Erzeugung stagniere oder sinke, sei die Selbstversorgung schon 2018/19 in Deutschland gefährdet. Eine Selbstversorgung werde bisher nur in Deutschland, Österreich und Tschechien erreicht. Eine Ausnahme ist Plasma zur Rhesusprophylaxe für Schwangere in Deutschland: Pro Jahr brauchen etwa 100.000 schwangere Frauen, die rhesus-negativ sind, etwa 200.000 Dosen Plasma mit einem hohem Anteil an Rhesus-Antikörpern für die Rhesus-Prophylaxe. Bei diesen Plasmaspenden besteht in Deutschland eine hundertprozentige Abhängigkeit zu den USA. Generell werde in den USA 80 Prozent des weltweiten Plasmabedarfs gewonnen, erklärt Seidel.

Immunglobuline sind treibender Faktor

Der treibende Faktor für die Plasmagewinnung sei laut Seidel der signifikante Anstieg an Bedarfen bestimmter Plasmaproteine – den Immunglobulinen – für die Behandlung von Immunschwächen sowie vieler schwerer neurologischer und anderer seltener Erkrankungen. Für sie ist klar: Um den Plasmabedarf zu decken, müsse das deutsche Transfusionsgesetz überarbeitet und die Aufwandsentschädigung für die Spende angehoben werden. Zudem fordert sie mehr Aufklärungskampagnen zu dem Thema und weiß: „Das Problem ist heutzutage oft die Zeit, regelmäßig zur Plasmaspende zu kommen, es dauert mindestens eine Stunde.“ Kritisch sieht Seidel auch die personelle Situation in den Plasmazentren: Die Vorgabe, dass ein approbierter Arzt anwesend sein müsse, sei kaum noch erfüllbar.
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Gesundheit und Krankheit im transkulturellen Kontext", am 18.12.2018 in Köln
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Cover Das ist Krebs

"Das ist Krebs. Ein Buch für Kinder über die Krankheit Krebs" von Esther Tulodetzki
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