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„Krebsberatungsstellen können vielfältige Nöte lindern“

Ambulante Krebsberatungsstellen sollen künftig von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit bis zu 21 Millionen Euro jährlich finanziert werden. Die private Krankenversicherung (PKV) soll sich mit einem Anteil von sieben Prozent beteiligen. Martin Wickert, Leiter der Krebsberatungsstelle am Universitätsklinikum Tübingen, erklärt im Interview, warum dies ein wichtiger Schritt ist und was Krebsberatungsstellen leisten.

Martin Wickert, Leiter der Krebsberatungsstelle am Universitätsklinikum Tübingen.Wie war die Finanzierung der Krebsberatungsstellen bisher geregelt?
Durch Spenden, Fördergelder oder Trägerschaften der freien Wohlfahrtspflege. Wegen finanzieller Nöte hat man aber immer wieder Stellen schließen müssen, obwohl diese gut ausgelastet waren. Deshalb sind wir froh über die neue Regelung, auch wenn es nur ein Teil der Finanzierung ist, die wir brauchen – nämlich 40 Prozent. Dieser erste Schritt ist sehr gut, denn bisher gab es keine Grundlage, Krebsberatung über die gesetzliche oder private Krankenversicherung zu finanzieren. Weitere 40 Prozent sollten von den Reha-Trägern – also Rentenversicherung und Bundesanstalt für Arbeit – kommen, weil ein großer Schwerpunkt in unseren Beratungen die Rehabilitation und Fragen zur beruflichen Wiedereingliederung ist. Auch die Bundesländer sollten sich mit mindestens 15 Prozent an der Finanzierung beteiligen. Dann bliebe noch ein Rest von 5 Prozent als Eigenanteil der Beratungsstellenträger.

Wie realistisch ist das? Sind Sie im Gespräch?
Ja, das sind wir. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sondiert die Zuständigkeiten und prüft, inwieweit das Leistungsspektrum der Krebsberatungsstellen zum Auftrag der Reha-Träger passt. Ich gehe davon aus, dass sich das Ministerium sicherlich der Sache anschließen wird. Aber Argumente sind das eine, auf der anderen Seite muss es vor allem den politischen Willen geben, die Krebsberatung in Deutschland endlich zu finanzieren.

Wie wichtig sind Krebsberatungsstellen für Betroffene?
Enorm wichtig, denn viele Patienten haben Probleme mit der Bewältigung der schweren Krankheitssituation, die oft existenzbedrohend ist. Dazu kommen auch Belastungen wie Nebenwirkungen der Therapie. Das ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein psychologisches Problem. Ängste verringern sich nicht einfach im Laufe der Zeit – sie bleiben und werden oft noch schlimmer. Diese Probleme gerade chronisch kranker Krebspatienten nehmen zu und deshalb ist es wichtig, dass es ambulante Anlaufstellen gibt, die tatsächlich helfen.

Wie kann die Hilfe konkret aussehen?
Krebsberatungsstellen sind Einrichtungen, die vielfältige Nöte lindern können: Patienten und Angehörige brauchen Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung, es gibt psychologische Probleme, wie Minderwertigkeitsporbleme oder Ängste. Man kann zum Beispiel mit Patienten erarbeiten, wie sich Ängste so eindämmen lassen, dass man damit leben kann. Auch bei sozialrechtlichen Problemen und Fragen kann eine Krebsberatungsstelle helfen. Zum Beispiel: Lohnt es sich, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen? Wie bekomme ich die Reha, die ich brauche und wie mache ich eine berufliche Wiedereingliederung? Wir beraten mit psychologischer oder sozialer Schwerpunktsetzung.

Helfen Sie auch in akuten Krisen?
Ja, in solchen Fällen können wir eine Krisenintervention leisten. Wir führen auch Paar- und Familiengespräche sowie Trauerbegleitung durch, bieten Gruppenangebote an, begleiten in fortgeschrittenen Stadien und machen Hausbesuche. Natürlich geben wir auch Informationen über das Spektrum der Hilfeleistungen, die Krebspatienten in Anspruch nehmen können, zum Beispiel auch zu Selbsthilfegruppen. Um all das leisten zu können, gehören in der Regel Sozialpädagogen und Sozialarbeiter sowie Psychologen zum Team einer Krebsberatungsstelle.

Kommen auch Angehörige zu Ihnen?
Ja, Angehörige haben oft eine Menge Probleme, denn sie sind ja genauso belastet wie der Patient selbst. Auch Kinder krebskranker Eltern leiden. Sie bekommen mit, wie bedrückend die Situation zuhause ist, sodass wir uns auch um sie kümmern müssen.

Können Sie medizinische Auskünfte über bestimmte Verfahren geben?
Das ist nicht unsere Aufgabe und das tun wir auch nicht. Bei medizinischen Fragen brauchen die Ratsuchenden einen fachkundigen Arzt, der ihnen die richtige, auf ihre Situation zugeschnittene Therapie empfiehlt. Wir geben aber Basisinformationen: Was ist überhaupt eine Chemotherapie? Warum wird einem da übel? Was ist eine Strahlentherapie? Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Danach schicken wir den Patienten zum Haus- oder Facharzt, damit er dort fachkundig beraten werden kann.

Wie viele Krebsberatungsstellen gibt es in Deutschland?
Eine Studie hat das als Vorbedingung für die Finanzierung untersucht: Es sind etwa 160 deutschlandweit. Damit wird ein Bedarf von etwa 50 Prozent gedeckt. Die existierenden Beratungsstellen sind sehr ausgelastet. Wir haben den Anspruch, einen Ersttermin innerhalb von zwei bis vier Wochen anzubieten. Das ist vielerorts kaum möglich, weil die Beratungsstellen so stark frequentiert sind.

Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?
Ja, städtische Regionen sind besser versorgt als ländliche, aber es gibt keine Schlechterstellung der neuen Bundesländer. In weniger gut versorgten Gebieten versuchen wir, Außensprechstunden anzubieten, die an große Beratungsstellen angebunden sind.

Vielen Dank für das Gespräch!