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5. Oktober 2017

BAG-Selbsthilfe

50 Jahre Engagement für Autonomie, Teilhabe und Selbstbestimmung

 
Die BAG-Selbsthilfe, die Dachorganisation von 120 bundesweiten Selbsthilfeverbänden behinderter und chronisch kranker Menschen, feiert mit einer Matinée ihr 50-jähriges Bestehen. Bundespräsident Walter Steinmeier ehrt die Organisation als leuchtendes Beispiel für die Demokratie.

Bundespräsident Walter Steinmeier mit der Vorsitzenden der BAG Selbsthilfe, Hannelore Loskill (© pag/Fiolka)
In seiner Rede weist Steinmeier darauf hin, dass der Begriff „Barrierefreiheit“ jüngst in den Duden aufgenommen wurde. „Wenn ein Wort, das ein so wichtiges Ziel bezeichnet, in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeht, dann ist das ein wichtiges Zeichen für den gesellschaftlichen Wandel, der sich in den vergangenen Jahren ganz offenbar zugetragen hat“, sagt der Präsident. Seit 1967, dem Gründungsjahr der BAG-Selbsthilfe, habe sich viel verändert: Damals sei eine Behinderung als individuelles Defizit verstanden worden. Menschen, die mit Beeinträchtigungen lebten, „galten als Objekte paternalistischer Fürsorge“. Heute seien Menschen mit Behinderung selbstbewusster und sprächen für sich selbst. „Die Selbsthilfebewegung ist ein leuchtendes Beispiel für das bürgerschaftliche Engagement in unserer Demokratie“, betont Steinmeier.

Vielfältige Aufgaben der Selbsthilfe

Von Anfang an habe die Selbsthilfe zwei Ziele verfolgt: Sie wollte für den einzelnen Menschen da sein und die Gesellschaft verändern. Der Austausch mit ähnlich Betroffenen stifte Gemeinschaft, Lebensfreude und neuen Mut. Nach außen setze die Selbsthilfe wichtige Impulse, zum Beispiel wenn sie sich dafür einsetzt, dass Sparkassen so umgebaut werden, damit auch Rollstuhlfahrer und Blinde die Geldautomaten nutzen können. Die organisierte Selbsthilfe wirke zudem in den Gremien des Gesundheitswesens und den politischen Institutionen mit. Steinmeier lobt als ein Verdienst der BAG, dass der Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ 1994 im Grundgesetz aufgenommen und 2006 die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland verabschiedet wurde. Nicht unerwähnt lässt der SPD-Politiker die neuen Herausforderungen, vor der die Selbsthilfe steht, wie beispielsweise der Abbau von digitalen Barrieren oder speziellen Angeboten für Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund.

Stärkerer Fokus auf Inklusion

Steinmeier will als Bundespräsident dem Thema Inklusion mehr Gehör verschaffen. „Es verträgt sich nicht mit der Demokratie, wenn Menschen ausgeschlossen werden“, sagt er. In einer offenen Gesellschaft dürften Menschen nicht daran gehindert werden, am öffentlichen Leben teilzunehmen: „Inklusion, das ist eben nicht nur Behindertenpolitik, das ist gelebte Demokratie!“ Hierzulande sei es noch nicht normal, dass alle Menschen in ihrer Verschiedenheit dabei sein können, wenn sie das wollen – im Kindergarten und in der Schule, am Arbeitsplatz und im Wohnviertel, im Theater oder auf dem Sportplatz. „Unser Miteinander im Alltag wird immer noch behindert: von Barrieren in der Umwelt, aber mindestens genauso von Barrieren in den Köpfen.“ Steinmeier appelliert an alle, mehr über gelungene Projekte der Inklusion zu sprechen. Denn es gebe an unzähligen Orten Beispiele für ein gutes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung.

Die BAG als Impulsgeber

Der Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, Dr. Martin Danner (© pag/Fiolka)
„Diese Anerkennung ist eine große Ehre für uns“, sagt Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe. Der Arbeitsgemeinschaft sei es in den vergangenen 50 Jahren gelungen, wichtige Impulse zu setzen. Als Beispiele nennt Danner die Verankerung des Diskriminierungsverbots für Menschen mit Behinderungen im Grundgesetz von 1994, die Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen von 2004 sowie das Bundesteilhabegesetz von 2016. Entscheidende Triebfeder für den Aufbau des Verbandes sei gewesen, den Menschen mit Behinderung im politischen Raum Gehör zu verschaffen. Die Selbsthilfebewegung in den 1970er Jahren habe zudem dazu geführt, dass chronisch Kranke zahlreiche Gruppen gründeten, um sich auszutauschen und ihre Erkrankung gemeinsam zu bewältigen.

Mitwirkung gewünscht, aber nicht finanziert

Zu einem neuen Impuls sei es in den 2000er Jahren gekommen: „Die Mitwirkung der Selbsthilfe in den Gremien des Gesundheits- und Sozialsystems, im Bildungswesen und sogar in der Forschung wird gewünscht, wenn nicht sogar eingefordert“, erläutert Danner. Unterstützungsangebote der Selbsthilfe würden als sinnvolle Ergänzung zu Angeboten des Staates, der Selbstverwaltung oder der Wohlfahrtsverbände angesehen. Allerdings: „Es stellt sich die Frage, wie die Selbsthilfe das alles ‚bedienen’ soll“, führt Danner aus. Die Selbsthilfe arbeite großenteils ehrenamtlich ohne finanzielle Unterstützung, Fördergelder würden nur für einzelne Projekte gewährt, nicht jedoch für eine dauerhafte Tätigkeit. Danner nennt ein Beispiel für die gestiegene Erwartungshaltung gegenüber den Patientenorganisationen: Verschiedene europäische Institutionen und Abgeordnete des Europaparlaments hätten den Wunsch geäußert, dass die deutsche Selbsthilfeszene sich stärker an den Entscheidungsprozessen auf europäischer Ebene beteiligen solle. „Eine Anfrage zu Fördermöglichkeiten beim zuständigen Ministerium brachte den Hinweis, dass kein Fördertopf existiere und dass grundsätzlich auch nur zeitlich befristete Projektförderungen möglich seien“, berichtet Danner. Die Mitgliedsbeiträge von behinderten und chronisch kranken Menschen könnten nicht für immer neue Zwecke in Anspruch genommen werden, die eigentlich im öffentlichen Interesse lägen, so der BAG-Chef weiter. Es sei eine noch ungelöste Frage, wie solche öffentlichen Aufgaben künftig wahrgenommen werden; sie müsse gesellschaftspolitisch beantwortet werden.

Neue Herausforderung: die Wissens- und Informationsgesellschaft

Bundespräsident Walter Steinmeier inmitten der Vertreter und Mitarbeiter der BAG-Selbsthilfe (© pag/Fiolka)
„Bevor es das Internet gab, waren die Selbsthilfegruppen oftmals die wichtigste Informationsbörse, um sich über therapeutische Optionen, mögliche Behandler und neue Hilfsmittel zu informieren“, sagt Danner. Heute im Zeitalter des Internets gehe es eher darum, die Informationen zu gewichten. Dies habe zu einer enormen Verfachlichung der Selbsthilfearbeit geführt. Außerdem „scheinen die klassischen Gruppentreffen durch Online-Chats und Kommunikation in Foren entbehrlich“ zu werden. Dies stelle die Selbsthilfe vor große Herausforderungen, vor allem junge Menschen müssten für die Selbsthilfe begeistert werden. Denn neuen Mut zu schöpfen gelinge weniger gut über einen anonymen Chat. Zum anderen müsse die Selbsthilfe das Wissensmanagement und die Nutzung internetbasierter Kommunikationskanäle künftig stärker in den Blick nehmen.

Die BAG-Selbsthilfe
Der BAG-Selbsthilfe sind mehr als eine Million körperlich-, geistig-, sinnesbehinderte und chronisch kranke Menschen angeschlossen, die sowohl auf Bundes- und Landesebene tätig sind als auch auf lokaler Ebene in Selbsthilfegruppen und Vereinen vor Ort.
Weitere Informationen unter www.bag-selbsthilfe.de
Digitorial

Literaturtipps
Cover Spork

"Gesundheit ist kein Zufall.'" von Peter Spork
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zum Beispiel: "11. Nationaler Qualitätskongress Gesundheit" vom 27.-28.11.2017 in Berlin
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