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29. August 2017

Patientensicherheit

„Überzogener Kostendruck stellt Risikofaktor dar“

 
Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. Günther Jonitz, setzt sich besonders für das Thema Patientensicherheit ein. Worum es dabei geht, erläutert er im Interview mit dem vfa-Patientenportal.

Herr Dr. Jonitz, was bedeutet Patientensicherheit?
Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin (© pag/Maybaum)
Patientensicherheit bedeutet, dass dem Patienten durch den Prozess der Behandlung kein zusätzlicher Schaden entsteht – in der Terminologie der ärztlichen Ethik ausgedrückt: „primum nil nocere“, zu allererst keinen Schaden anrichten.

Was kann Patienten passieren, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist?
Die Spannbreite ist groß. Neben Verzögerungen im Behandlungsprozess durch falsche oder übersehene Diagnosen können in der Therapie Fehler gemacht werden, zum Beispiel durch falsche Verabreichung von Medikamenten, durch unsachgemäß durchgeführte Operationen, durch fehlerhafte oder unverständliche Kommunikation oder durch – ein großes Thema – behandlungsassoziierte Infektionen wie Lungenentzündung oder Entzündungen nach Operationen.

Seit über zehn Jahren wird daran gearbeitet, die Patientensicherheit zu erhöhen. Was ist seit dem passiert?
Der Umgang mit dem Thema hat sich fundamental geändert. War Patientensicherheit bis 2008 eher ein Tabuthema, bei dem jede öffentliche Befassung primär skandalisiert wurde, ist es jetzt vor allem eine Herausforderung und Chance, sich mit Risiken und konkreten Problemen in der Versorgung zu befassen. 2002 wurde das Thema mit dem Berliner Gesundheitspreis erstmals auf die öffentliche Agenda gesetzt. 2004 war Patientensicherheit Gegenstand der wissenschaftlichen Agenda beim Kongress der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung (GQMG). 2005 war es endgültig auf der politischen Agenda mit einem einstimmigen – immer noch wegweisenden – Beschluss des Deutschen Ärztetages sowie des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Die Gründung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V. (APS) 2005 war dann Ausdruck der gemeinsamen Verantwortung aller Akteure auf gleicher Augenhöhe inklusive der Patienten für die Suche nach konkreten Lösungen für mehr Sicherheit. Dieser positiv motivierte Umgang mit dem Thema ist international eher die Ausnahme und inzwischen auch Vorbild für die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Zur Person
Dr. Günther Jonitz ist seit 1999 Präsident der Ärztekammer Berlin. Er hat in Bochum und Berlin Medizin studiert und ist seit 1994 Facharzt für Chirurgie. Er war bereits von 1995 bis 1999 Vizepräsident der Ärztekammer Berlin und ist Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer. Dort setzt er sich insbesondere für das Thema Qualitätssicherung ein. Jonitz ist zudem Gründungsmitglied und ehemaliger erster Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V., Fachexperte des Bundesministeriums für Gesundheit für Fragen der Patientensicherheit in internationalen Gremien (z.B. EU-Kommission) sowie Leiter der Arbeitsgruppe „Patientensicherheit als Nationales Gesundheitsziel“ im Rahmen von Gesundheitsziele.de.


Wo besteht aus Ihrer Sicht weiterhin Handlungsbedarf?
Die Rahmenbedingungen der Patientenversorgung haben sich eindeutig verschlechtert und stellen selbst einen Risikofaktor dar. Der überzogene Kostendruck auf Medizin und Pflege hat zu zum Teil gravierenden Engpässen geführt, die durch Maßnahmen der Patientensicherheit nur in Ansätzen kompensiert werden können. Solange finanzieller Ertrag wichtiger ist als hohe Qualität und Sicherheit, wird dieser Konflikt fortbestehen.

Sie sind Vorsitzender einer Arbeitsgruppe, die gegenwärtig „Patientensicherheit“ als nationales Gesundheitsziel definiert. Wie läuft der Prozess ab und was erwarten Sie von ihm?
Bei gesundheitsziele.de werden in einem nicht immer leichtgängigen Verfahren unter Einbeziehung aller Akteure bis hin zum Städtetag Ziele definiert und anschließend Maßnahmen konsentiert. Es müssen sehr viele Interessen unter einen Hut gebracht werden. Beim Thema „Patientensicherheit“ sind alle Akteure mit hoher Motivation dabei. Als ein Zwischenergebnis wurde bereits vereinbart, dass die „Patienten-Sicherheitskultur“ eine zentrale Größe ist und gemessen werden soll. Die Umsetzung ist freiwillig, aber der Konsensprozess ist hilf- und erkenntnisreich.

Wen sehen Sie in der Verantwortung, das Thema weiter voranzubringen?
An der Spitze der Bewegung sollten die Gesundheitsberufe stehen. Für die deutsche Ärzteschaft hat das der Deutsche Ärztetag 2005 übernommen. Aber das ist jetzt zwölf Jahre her. Jeder, der Verantwortung für Patientenversorgung trägt, ist aufgerufen, seinen Teil zu leisten, Vorstände von Organisationen allen voran. Ich wünsche mir bei allen Fachkongressen einen Workshop mit „typischen Fehlern“. Abgesehen davon zeigen alle Erfahrungen, dass es nur gemeinsam geht, mit Politik, Patienten, Kassen, Krankenhäusern, Medizin und Pflege. Der ausgestreckte Zeigefinger – wie in vielen anderen Ländern üblich – führt nur zur Abwehr.

Was tut die Ärzteschaft, um die Prävention von Fehlern zu erhöhen?
Das Programm für Nationale Versorgungsleitlinien definiert explizit auch sogenannte Nicht-Empfehlungen, um Überversorgung zu vermeiden, die Leitlinien der Arzneimittelkommission sind essentiell, die Arbeit der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen ist führend in der Ab- und Aufarbeitung von Schäden, der politische Widerstand gegen die Ökonomisierung der Patientenversorgung nimmt aktuell wieder zu.

Können Patienten selbst etwas zu ihrer Sicherheit beitragen?
Dr. Günther Jonitz setzt sich seit Jahren für mehr Patientensicherheit ein. (© pag/Fiolka)
Aber ja! Es beginnt mit der eigenen Sammlung von Patientenunterlagen und Dokumenten, geht weiter mit der Vorformulierung von Fragen, die man an den Arzt hat, und dem Einmischen („speak up!“), falls Fehler wie zum Beispiel die Anrede mit einem falschen Namen, auftauchen. Eigenverantwortung und aufrechter Gang sind hilfreich. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hat mehrere Handreichungen für Patientinnen und Patienten zu diesem Thema entwickelt.

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK), der Behandlungsfehler im Auftrag der Krankenkassen begutachtet, hat kürzlich eine Meldepflicht für schwerwiegende Behandlungsfehler gefordert. Was halten Sie davon?
Davon halte ich deshalb nichts, weil es um den Umgang mit Fehlern und die Fehlerprävention geht. Autoritäres Verhalten, verbunden mit negativen Anreizen, wird immer dazu verleiten, aufgetretene Missstände nicht auszuweisen. Da ändert auch eine weitere „Pflicht“ nichts. Und selbst wenn mehr gemeldet werden würde, wer sagt, dass daraus gelernt wird? Entscheidend ist, das Thema positiv und lösungsorientiert zu gestalten. Dann wächst auch die Bereitschaft, von den Fehlern anderer zu lernen, von allein.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?
In Sachen Sicherheitskultur auf nationaler Ebene sind wir „Weltmeister“. Im Ernst, ich glaube wir haben hier einiges geleistet – wenngleich es an der systematischen Umsetzung an vielen Ecken und Enden fehlt. Weder ist die Dachorganisation APS dauerhaft finanziert noch gibt es Ressourcen beispielsweise für systematische Schulungen der Gesundheitsberufe oder Kapazitäten für Morbiditäts- und Mortalitätsbesprechungen. Das heißt, die wesentliche Grundlage ist vorhanden, zur Umsetzung fehlt eine nationale Strategie und die Entschlossenheit der obersten Akteure, dafür auch Geld auszugeben. Dabei ist klar, dass sich das auch finanziell rechnet.

Holland wird immer als positives Beispiel gelobt. Was machen die dortigen Akteure besser?
Holland ist schön und unvergleichlich. Es ist ungefähr so groß wie Nordrhein-Westfalen, hat viel weniger Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, eine klare Führungsstruktur mit einem fachkundigen Reichsinspektorat als Fachaufsicht. Dieses hat einen expliziten Auftrag für Qualität und Sicherheit und es bindet die Akteure ein. So gibt es dort in der Tat eine Meldepflicht für schwerwiegende Fehler und unerwünschte Ereignisse. Allein, es wird nicht top-down definiert, was das ist, sondern die Fachgesellschaften selbst definieren jährlich die Ereignisse, die dokumentiert und aus denen gelernt werden soll. Selbstbestimmung bei politischer Führung ist somit ein dort vorhandenes Element.

Warum ist es wichtig, das Thema Patientensicherheit auch auf die internationale Agenda zu bringen?
Patientensicherheit ist seit über zehn Jahren ein weltweites Thema und viele wichtige Erkenntnisse zu Ursachen und Lösungen existieren bereits. Das Curriculum der WHO zu Schulungen ist kaum besser zu machen. Unter Federführung des britischen und des deutschen Gesundheitsministeriums haben zweimal „Ministerial Summits“ stattgefunden, bei denen das Thema von Politik und Fachexperten sehr offen und klug diskutiert wurde. Patientensicherheit ist ein guter Hebel für tatsächlich sinnvolle Reformen und Maßnahmen im Gesundheitswesen. Außerdem wird durch die Zusammenarbeit der Lernprozess verkürzt. Dadurch steigen die Motivation und die Effizienz auf allen Ebenen. Sich um Qualität und Patientensicherheit zu kümmern ist Kern unseres Auftrages im Gesundheitswesen.

Herr Dr. Jonitz, vielen Dank für das Interview!
Digitorial

Literaturtipps
Cover: "Gesundheitsselbsthilfe im Wandel"

"Gesundheitsselbsthilfe im Wandel. Themen und Kontroversen'" von Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Digital Health – Gesundheit neu denken" vom 26. - 27. 09. 2017 in München
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