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15. September 2017

Gesundheitskompetenz

„Erkenntnisse kommen nicht in der Praxis an“

 
Verschiedene Studien bestätigen immer wieder: Die Bevölkerung in Deutschland hat eine schlechte Gesundheitskompetenz. Woran das liegt und was dagegen getan werden kann, erläutert Prof. Dr. Sylvia Sänger im Interview mit dem vfa-Patientenportal.

Um die Gesundheitskompetenz der hiesigen Bevölkerung ist es nicht gut bestellt. Woran liegt das?
Prof. Dr. Sylvia Sänger, Professorin für Medizinpädagogik an der Hochschule für Gesundheit in Gera (© privat)
In der Tat. Laut einer europäischen Umfrage, dem European Health Literacy Survey, hat rund die Hälfte aller befragten Personen eine unzureichende oder problematische Gesundheitskompetenz. Das bedeutet, sie finden und verstehen Informationen nicht und haben Probleme, Entscheidungen zu ihrer Gesunderhaltung zu treffen. Im Internet gibt es eine Reihe von guten Informationen und Entscheidungshilfen, die auch wissenschaftlich begründet sind (in der Fachsprache „evidenzbasiert“), wie zum Beispiel auf den Webangeboten www.gesundheitsinformation.de oder www.patienten-information.de. Das Problem ist, dass Laien im allgemeinen „Rauschen“ des Internets diese verlässlichen Angebote oft gar nicht finden. Sie wissen auch nicht, woran man eine „gute“ und verlässliche Information erkennt. Dabei brauchen wir doch verlässliche und vor allem auch verständliche Informationen, um gute Entscheidungen für unsere Gesundheit zu treffen.

Aber ist nicht der Arzt derjenige, der über eine Erkrankung und ihre Behandlung aufklären sollte?
Sicher ist der Arzt oder die Ärztin die wichtigste Informationsquelle. Aber vermitteln sie auch immer alle für eine Entscheidung notwendigen Informationen? Und wissen Patienten, dass sie zu allen Gesundheitsfragen mitentscheiden dürfen und auch sollen? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das in vielen Fällen nicht so ist. Entweder Patienten werden oder fühlen sich nicht ausreichend aufgeklärt, oder sie fühlen sich mit allen Informationen und einer Entscheidung überfordert. Ich empfehle, dem Arzt oder der Ärztin drei wichtige Fragen zu stellen:
1. Was genau habe ich?
2. Was kann/muss alles jetzt getan werden und welchen Nutzen und welche möglichen Risiken hat das für mich?
3. Warum ist das so wichtig, dass etwas getan wird?

Wie kann das Gesundheitswissen verbessert werden?
Der dringendste Handlungsbedarf besteht aus meiner Sicht in zwei Dingen: Zum einen Patienten alle wissenschaftlich begründeten Informationen, die sie in Verbindung mit ihrer Erkrankung benötigen, in einer verständlichen Form zur Verfügung zu stellen. Und zum anderen die Kompetenz der Patienten zu stärken, damit sie diese Informationen verstehen und zur Lösung ihres individuellen Gesundheitsproblems anwenden können.
Wir brauchen eine Internet-Plattform, auf der alle verlässlichen Informationsquellen zu Erkrankungen, der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Hilfestellungen wie Fragenchecklisten, Entscheidungshilfen, Medikationspläne und so weiter verfügbar und abrufbar sind. Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin hat mit der „Guten Praxis Gesundheitsinformation“ Qualitätskriterien für verlässliche Gesundheitsinformationen festgelegt. Angebote, die diese Anforderungen erfüllen, müssen an einer Stelle und von einem unabhängigen Anbieter zugänglich gemacht werden.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ ins Leben gerufen. Was halten Sie davon?
Dass es nun eine solche Allianz gibt, in der Vertreter von Politik, Ärzteschaft, Patienten und Verbrauchern vertreten sind, begrüße ich. Der politische Wille zur Veränderung ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen. Die Ziele der Allianz bestehen darin, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken, wissenschaftlich abgesicherte Informationsangebote zu bündeln und bereitzustellen sowie die Kommunikationskompetenz in der Aus-, Weiter- und Fortbildung Ärzte und Therapeuten zu fördern. Das sind wichtige Voraussetzungen, mit denen Gesundheitskompetenz erworben und gefördert werden kann. Neu sind diese Ziele jedoch nicht.
Zur Person
Prof. Dr. Sylvia Sänger ist seit 2015 als Professorin im Studiengang Medizinpädagogik an der Hochschule für Gesundheit in Gera tätig. Zuvor leitete sie unter anderem den Bereich Patienteninformation am Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Sie war außerdem mit dem Aufbau und der Leitung der GesundheitsUni Jena am Universitätsklinikum Jena betraut. Sylvia Sänger hat Biomedizintechnik und Gesundheitswissenschaften studiert.


Was für frühere Versuche gab es denn bereits?
Die Förderung der Gesundheitskompetenz hat in Deutschland schon eine längere Geschichte. Schon im Jahr 2003 hat die Arbeitsgruppe „PatientInnensouveränität“ im Gesundheitszieleprozess das Ziel „Gesundheitliche Kompetenz erhöhen, PatientInnensouveränität stärken“ definiert. Schon damals wurden als Ziele definiert, qualitätsgesicherte, unabhängige und zielgruppengerechte Gesundheitsinformationen bereitzustellen und die gesundheitsbezogener Kompetenzen zu stärken. Auch der Nationale Krebsplan von 2008 hat ganz ähnliche Teilziele formuliert: die Bereitstellung qualitätsgesicherter Informations- und Beratungsangebote, die Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten, die Stärkung der Patientenkompetenz und die Einbeziehung der Patienten in Entscheidungen zu medizinischen Maßnahmen. Von 2001 bis 2005 hat das Bundesgesundheitsministerium den Förderschwerpunkt „Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess“ ins Leben gerufen. Die beteiligten Zentren haben Entscheidungshilfen entwickelt und getestet, ein Curriculum „Partizipative Entscheidungsfindung für Patienten und Multiplikatoren“ erarbeitet sowie Maßnahmen der Aus-, Fort-, und Weiterbildung in Sachen Kommunikation etabliert. An Maßnahmen und Programmen mangelt es in Deutschland also nicht.

Warum hat das alles nichts gebracht?
Fakt ist, dass in der Praxis eben noch nicht jede Patientin und jeder Patient im gewünschten Sinn kompetent und auch noch nicht jede Ärztin und jeder Arzt bereit dazu ist, im Aufklärungsgespräch auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz den Nutzen und die Risiken sämtlicher infrage kommender Maßnahmen darzustellen, die Präferenzen des Betroffenen zu erfragen und dann eine gemeinsame Entscheidung zu treffen. Ich selbst habe auch noch keinen Arzt erlebt, der mich gebeten hat, das Gesagte noch einmal mit meinen Worten zu wiederholen, um zu überprüfen, ob ich die ärztliche Aufklärung verstanden habe. Studien haben nachgewiesen, das dies sehr förderlich für die Patientenkompetenz ist. Erkenntnisse, die wir aus Studien und Fördermodellen gewinnen, kommen nicht ausreichend in der Praxis an. Es fehlt oft an Transferleistungen und nachhaltigen Umsetzungen.

Gibt es denn positive Beispiele?
Seit 2002 wird zum Beispiel das evidenzbasierte Wissen ärztlicher Leitlinien auch als verständliche Patientenversion angeboten. Ich habe bei meiner Arbeit mit medizinischen Laien jedoch noch keine Personen außerhalb der Selbsthilfe getroffen, die wussten, was eine Patientenleitlinie ist. Ich habe auch noch in keiner Arztpraxis, die ich selbst aufgesucht habe, einen Hinweis auf diese Patientenleitlinien finden können. Dafür aber jede Menge Broschüren kommerzieller Anbieter. Wir haben bereits sehr viele gute Angebote in Deutschland. Die Krux ist, dass sie in der allgemeinen Bevölkerung kaum jemand kennt, geschweige denn, sie im Internet zu finden weiß.

Was raten Sie der neugegründeten Allianz?
Auch die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ kann nur dann nachhaltig wirksam sein, wenn nicht nur erforderliche Maßnahmen definiert werden, sondern auch der Praxistransfer gesichert wird. Dazu braucht es nach meiner Ansicht auch Strukturänderungen im Gesundheitswesen und völlig neue Angebote. Ein Beispiel hierfür ist das Café Med, eine Schweizer Initiative, bei der ein Expertenteam in einem Bistro Patienten kostenlose Beratungen anbietet. Ein anderes Beispiel ist der von ehemaligen Medizinstudierenden ins Leben gerufene Service „Was hab ich?“. Das ist eine Internetplattform, auf der Patienten sich ihre Arztbriefe in eine laienverständliche Sprache übersetzen lassen können. Vielleicht braucht es ja mehr solcher unkonventioneller Lösungen.

Frau Prof. Sänger, vielen Dank für das Interview.

Linktipps:
Digitorial

Literaturtipps
Die stille Macht der Mikroben

"Die stille Macht der Mikroben. Wie wir die kraftvollsten Gesundmacher bei der Arbeit unterstützen können." von Alanna Collen
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Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Dr. Algorithmus. Die Rolle der Maschinen in der Medizin 4.0" am 24.01.2018 in Köln
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