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29. Oktober 2013

Spezifisches Training

Das Arzt-Patienten-Gespräch

 
Grundlage einer erfolgreichen Therapie ist ein vertrauensvolles Gespräch zwischen Arzt und Patient. Doch wie funktioniert gute Kommunikation? Ein neuer Ausbildungskatalog will mit Best-Practice-Beispielen festlegen, was Studierende der Medizin in der Gesprächsführung lernen sollen.

(© Caroline Seidel/dpa)
Das Gespräch zwischen Arzt und Patient rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Behandlung. Denn nur über den verbalen Austausch können die Mediziner wirklich herausfinden, wie das Befinden eines Patienten ist und was mögliche Ursachen seiner Erkrankung sind. Welche Ernährungsgewohnheiten hat er? Wie hoch ist die Arbeitsbelastung? Macht der Patient Sport? Wäre er bereit, seinen Lebensstil zu verändern? Umgekehrt halten sich viele Patienten nur dann an die Empfehlungen des Arztes, wenn sie ihm vertrauen. Die Qualität des Arzt-Patienten-Gesprächs hat also entscheidenden Einfluss auf den Therapieerfolg. Dies ist zum einen eine Frage der Zeit, denn in wenigen Minuten ist es schwer, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Zum anderen ist es aber ebenso eine Frage der Ausbildung. Dies hat auch Dr. Jana Jünger erlebt. „Ich musste feststellen, dass das Fachwissen allein nicht genügt, um meine Patienten gut zu versorgen“, sagt die Leiterin des baden-württembergischen Kompetenzzentrums für Prüfungen in der Medizin an der Uni Heidelberg. „Gerade bei schlimmen Diagnosen wie zum Beispiel bei jungen Tumorpatienten kam ich schnell an meine Grenze. Ich wusste nicht, wie ich mit den Patienten kommunizieren kann.“

Fachwissen stand im Vordergrund
Dies ging nicht nur der Heidelberger Ärztin so. Denn früher stand an den medizinischen Hochschulen ausschließlich die fachliche Expertise im Fokus der Ausbildung. In den letzten Jahren sind jedoch viele Universitäten dazu übergegangen, ihre Studierenden in die Arzt-Patienten-Kommunikation einzuführen, allen voran Berlin, Heidelberg, Düsseldorf und Dresden. Auch die Medizinische Fakultät der Universität Ulm hat in einem Ausbildungsprofil festgelegt, was die Studierenden in der Kommunikation lernen sollen. Dazu gehört insbesondere, dass die Absolventen in der Lage sind, mit Patienten und deren Angehörigen – auch bei Gesprächen mit belastendem Inhalt – in angemessener, respektvoller Weise und in verständlicher Sprache zu sprechen. Außerdem ist wichtig, dass sie sich mit Kollegen und weiteren Personen des Gesundheitswesens adäquat in Wort und Schrift austauschen können. „An der Uni Ulm geben wir der Ausbildung in der Kommunikation bereits seit Jahren eine besondere Bedeutung“, sagt Prof. Dr. Tobias Böckers, Studiendekan Medizin. „Wir machen nicht nur Trockenübungen, also Seminare, in denen wir die Theorie vermitteln, sondern unterstützen das durch praktische Übungen.“ Dazu gehören beispielsweise Kurse zum Anamnesegespräch und auch Veranstaltungen mit Simulationspatienten. Speziell geschulte Laienschauspieler spielen dabei bestimmte Krankenrollen. So können die Studierenden mit den Simulationspatienten in einer möglichst authentischen Situation Gesprächsführung und Untersuchungstechniken üben.

Unterschiedliche Ausbildungsstandards
Bisher haben die medizinischen Fakultäten selbst entschieden, wie sie ihre Studierenden in der Arzt-Patienten-Kommunikation ausbilden, was zu unterschiedlichen Standards an deutschen Universitäten geführt hat. Zwar ist die ärztliche Gesprächsführung im letzten Jahr in die Approbationsordnung, also in die Studien- und Prüfungsordnung für das Medizinstudium, aufgenommen worden, doch ist bisher nicht geregelt, was konkret gelernt werden soll. Das soll sich jetzt ändern. „Es war klar, dass die Arzt-Patienten-Kommunikation zum Studium dazu gehört, aber es ist wichtig, dies auch formal festzuschreiben“, sagt Böckers. Seit einigen Jahren arbeitet der Medizinische Fakultätentag (MFT) gemeinsam mit der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) und weiteren Experten an dem so genannten Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM). Ziel ist ein Katalog mit konkreten Lernzielen, die Medizinstudierende wissen bzw. können sollen. „Dort wird der Ausbildungskatalog für angehende Ärzte und Zahnärzte in einer neuen Art definiert“, erläutert Studiendekan Böckers. Es werden Kompetenzen festgeschrieben, die die Studierenden im Laufe ihres Studiums erreichen sollen. „Dabei geht es um Befähigungen jenseits des reinen Wissens.“

Sammeln von Best-Practice-Beispielen
Dr. Jana Jünger (© Bernd Bostelmann)
Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Jana Jünger entwickelt ein Mustercurriculum Kommunikation. Gegenwärtig stellt das Team so genannte Best-Practice-Beispiele aus allen 36 Fakultäten zusammen. Themen sind beispielsweise Beratung zur Lebensstiländerung, interkulturelle Kommunikation, Aufklärungsgespräche zu schwierigen Diagnosen, Kommunikation bei Behandlungsfehlern oder bei Entscheidungen am Lebensende. Privatdozentin Jünger und ihre Kollegen entwickeln zu den einzelnen Fragestellungen prüfbare Lernziele und Unterrichtsmaterial. „Das ist wie ein Mega-Picknick: Jeder bringt was mit und wir arbeiten es auf“, sagt die Fachärztin für Innere Medizin. Ein Beispiel der Uni Heidelberg: die Arbeit von Selbsthilfegruppen kennenzulernen. Dazu laden sie regelmäßig Gruppenleiter aus der Selbsthilfe zu einem Workshop ein und gestalten mit ihnen gemeinsam den Unterricht. Die Studierenden lernen im direkten Dialog die Arbeit der Organisationen kennen. „Dies ist natürlich mit einem gewissen Aufwand verbunden“, konstatiert Jünger. Allein für diesen Workshop arbeiten sie mit 20 Selbsthilfegruppen zusammen. Auch an anderen Hochschulen werden neue Ansätze verfolgt: Die Uni Gießen entwickelt zum Beispiel ein Modell, wie angehende Mediziner unklare Diagnosen kommunizieren können.

Spezifisches Training für einzelne Fachbereiche
„Wir brauchen eine integrierte Medizin, denn die seelische Befindlichkeit ist zentral für den Behandlungsprozess“, betont Jünger. Damit ist gemeint: Kinderärzte müssen zum Beispiel lernen, wie sie mit Eltern umgehen, die ihrem Kind kein Antibiotikum geben wollen, obwohl es indiziert ist. Für Gynäkologen ist es wichtig zu üben, wie sie einer schwangeren Frau erklären, dass ihr Ungeborenes eine Behinderung hat, und für Onkologen, wie sie eine tödliche Krebsdiagnose übermitteln. „Bisher machen viele Ärztinnen und Ärzte das aus dem Bauch heraus, und sie machen es oftmals richtig“, sagt die Medizinerin. „Aber in manchen Situationen kann man auch überfordert sein. Deswegen ist es wichtig, die richtigen Techniken zu lernen.“ Mit dieser Ansicht steht Jünger nicht allein. „Das Engagement ist unglaublich groß und wir erfahren viel Unterstützung“, freut sich Jünger. 215 Kollegen aus allen Fakultäten arbeiten mit. „Das ist ein Zeichen dafür, dass das Thema den Ärzten unter den Nägeln brennt.“ Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium für Gesundheit, das auch die Schirmherrschaft übernommen hat. Ein wissenschaftlicher Beirat, dem unter anderem Vertreter von Krankenkassen und der Bundesärztekammer sowie studentische Initiativen angehören, und ein gemeinsamer Ausschuss der Fachgesellschaften begleiten die Arbeitsgruppe. Ende nächsten Jahres soll das nationale „Mustercurriculum Kommunikation“ fertig sein.
Digitorial

Literaturtipps
Cover Lüdke

"Schmerz – Eine Herausforderung" Hans-Günter Nobis, Roman Rolke
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Innovationen durch Digitalisierung" 05.10.2016 in Leipzig
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