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13. Juli 2015

Klinische Studie

Kann Telemedizin die Versorgung von Herzpatienten verbessern?

 
Herzerkrankungen sind hierzulande eine der häufigsten Gründe für Krankenhausaufenthalte. Viele der Einweisungen wären vermeidbar, wenn der Rückgang der Herzleistung frühzeitig erkannt würde. Prof. Dr. Friedrich Köhler von der Berliner Charité versucht in einer Klinischen Studie zu zeigen, welchen Beitrag hierzu die telemedizinische Überwachung von Risikopersonen leisten kann.

Prof. Dr. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin (TMZ) an der Charité – Universitätsmedizin Berlin (© vfa, Dirk Laessig)
Herr Prof. Köhler, Sie leiten das Projekt Fontane – Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg. Worum geht es dabei?
Bei dem Projekt geht es darum, Hausärzte durch den Einsatz von Telemedizin bei der Betreuung von Herzpatienten zu unterstützen. Die Sterblichkeitsrate für Herz-Kreislauf-Erkrankungen liegt in Nord-Brandenburg deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Wenn man bei Patienten mit einer chronischen Herzinsuffizienz frühzeitig feststellt, dass sich ihre Werte verschlechtern, kann man die Therapie anpassen. Darüber wird es dann möglich, Krankenhauseinweisungen zu vermeiden und die Sterblichkeit zu verringern. Dazu haben wir ein telemedizinisches „Frühwarnsystem“ entwickelt, das wir gerade in einer Klinischen Studie testen.

Was ist genau das Ziel der Studie?
Wir überprüfen anhand von 1.500 an Herzinsuffizienz Erkrankten, ob die Patienten, die durch die Telemedizin mitbetreut werden, besser versorgt sind als diejenigen, die nach der Standardtherapie behandelt werden. Das ist das primäre Studienziel. Außerdem wollen wir herausfinden, inwieweit man über die Telemedizin regionale Versorgungsunterschiede ausgleichen kann. Unsere Hypothese ist, dass eine hausärztliche Versorgung plus telemedizinische Mitbetreuung in ländlichen Gebieten der kardiologischen Standardversorgung in den Metropolen nicht unterlegen ist. Es wird immer gesagt, dass die Telemedizin hier großes Potenzial hat, aber es ist nicht bewiesen.

Zur Person: Prof. Dr. Friedrich Köhler
Prof. Dr. Friedrich Köhler ist Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin (TMZ) an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, das sich der Entwicklung von telemedizinischen Produktinnovationen in Forschungsprojekten und deren Erprobung in klinischen Studien widmet. Er leitet das Projekt „Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane“, mit der wissenschaftlichen Studie „Telemedical Interventional Management in Heart Failure II“. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und ist 2011 mit dem Karl Storz Telemedizin Preis der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) ausgezeichnet worden.


Wer kann an der Studie teilnehmen und wie läuft sie konkret ab?
An der Studie können Patienten teilnehmen, die in den letzten zwölf Monaten eine sogenannte hydropische Dekompensation, also eine Wasseransammlung zum Beispiel in der Lunge hatten. Durch das Frühwarnsystem wollen wir verhindern, dass das Ereignis noch einmal eintritt. Für die Studie werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt, die Telemedizingruppe und eine Kontrollgruppe.

Die Telemedizingruppe bekommt eine Waage, ein Blutdruck- und ein EKG-Messgerät mit nach Hause. Die Patienten müssen sich ein Jahr lang täglich wiegen, ein EKG auflegen und Blutdruck messen. Außerdem geben sie sich jeden Tag eine Note für ihr Befinden. Diese Werte werden dann automatisch an uns geschickt. Unser medizinisches Personal wertet die Daten aus, bei Auffälligkeiten setzen wir uns mit dem Patienten in Verbindung. Einmal im Monat telefonieren die Teilnehmer außerdem mit der Pflegekraft, die sie in der Bedienung der Geräte geschult hat. Sie motiviert die Patienten und beantwortet darüber hinausgehende Fragen. Und alle drei Monate suchen die Betroffenen den behandelnden Haus- oder Facharzt auf.

Wie kommt die Studie bei den Patienten an?
Die Akzeptanz bei Patienten ist sehr gut, das ist für mich die größte Ermutigung. Von denen, die angesprochen werden, machen mehr als zwei Drittel mit. Das ist eine beeindruckend hohe Zahl von Patientenakzeptanz. Und wer einmal ja sagt, bleibt dabei. Wir haben eine Compliance, also eine Therapietreue, von 90 Prozent. Es ist auch alles ganz einfach, das tägliche Messen dauert ungefähr eine doppelte Zahnputzlänge. Die älteste Dame, die bei der Studie mitmacht, ist 92 Jahre alt und sie kann alles ohne Probleme bedienen.

Prof. Dr. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin (TMZ) an der Charité – Universitätsmedizin (© vfa, Dirk Laessig)
Sie sprachen auch von einer Kontrollgruppe. Wie sieht die Versorgung dieser Teilnehmer aus?
Die Kontrollgruppe wird leitliniengerecht behandelt, dass heißt, die Teilnehmer gehen alle drei Monate zu ihrem behandelnden Arzt. Auch in der Kontrollgruppe kümmert man sich sehr gut um die Patienten.

Wie viele Patienten haben sich bisher an der Studie beteiligt?
Stand heute sind es 610. Wir wollen allerdings 1.500 einschließen. Es fehlen also noch viele Patienten.

Woran liegt das?
Der zentrale Punkt ist der betreuende Kardiologe oder Hausarzt. Er soll die Patienten ansprechen. Es geht nicht ohne ihn, die Studie ist bewusst so angelegt. Aber viele Haus- und Fachärzte wollen nicht mitmachen, für sie bedeutet eine Studie mehr Arbeit und mehr Bürokratie. Ohne sie bekommen wir aber nicht die Patienten aus ihrer Praxis.

Was werden Sie tun, um die Situation zu verbessern?
Wir fahren sehr viel durch die Gegend, um die Ärzte zu überzeugen. Im letzten Jahr waren es 22.000 Kilometer. Und wir werden weiterfahren. Ursprünglich hatten wir die Studie auf Berlin und Brandenburg begrenzt, inzwischen ist sie auf zehn Bundesländer ausgeweitet. Wir sprechen auch kleinere Krankenhäuser an, da sie viele Patienten mit Herzinsuffizienz betreuen. Aber sie sind oft personell schlechter ausgestattet und haben deshalb häufig keine Erfahrung mit Studien. Wir kooperieren auch mit Kassenärztlichen Vereinigungen. Für so eine Studie braucht man einen langen Atem.

Liegen schon erste Ergebnisse vor?
Nein. Mit ersten Ergebnissen rechnen wir 2017.

Herr Prof. Köhler, wir drücken die Daumen für den Erfolg Ihrer Studie und danken Ihnen für das Gespräch.

Chronische Herzinsuffizienz
Die chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche) ist eine Volkserkrankung, an der derzeit in Deutschland etwa 1,8 Millionen Patienten erkrankt sind. Bei den Betroffenen ist das Herz nicht mehr in der Lage, seine Pumpfunktion vollständig zu erfüllen. Dies kann zu Atemnot beim Treppensteigen oder bei anderen körperlichen Belastungen führen. Zudem sind Wassereinlagerungen (Ödeme) möglich, beispielsweise in der Lunge, den Beinen oder den Füßen. Mit 396.380 stationären Behandlungen im Jahr 2013 stellte die Herzinsuffizienz laut Statistischem Bundesamt den häufigsten Grund für krankheitsbedingte Klinikaufenthalte überhaupt dar. Daraus ergeben sich für die Betreuung dieser Patienten enorme Kostenbelastungen. Krankenhauseinweisungen könnten jedoch vermieden werden, wenn bei den Betroffenen eine Verschlechterung der Herzfunktion frühzeitig festgestellt wird. Die Patienten selbst bemerken dies häufig erst zeitlich verzögert. Eine kontinuierliche telemedizinische Beobachtung von Risikopatienten könnte helfen, schleichende Veränderungen im Therapieverlauf frühzeitig zu erkennen, um im Notfall schneller eingreifen zu können.
Digitorial

Literaturtipps
Cover: "Gesundheitsselbsthilfe im Wandel"

"Gesundheitsselbsthilfe im Wandel. Themen und Kontroversen'" von Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Selbstbestimmte Patient*innen – Anspruch oder Wirklichkeit" am 27.10.2017 in Hannover
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