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2. Mai 2017

Aus der Klinik nach Hause

Entlassbriefe für Patienten

 
Weil er Freunden und Verwandten regelmäßig Diagnosen erklären musste, startete der damalige Medizinstudent Ansgar Jonietz die Plattform „Was hab’ ich?“. Hier können Patienten ihre Befunde allgemeinverständlich übersetzen lassen. Aktuell gibt es ein zweites Projekt des Dresdner Start-ups: Entlassungsschreiben der Klinken patientengerecht zu übersetzen.

Ansgar Jonietz, Mit-Gründer und Geschäftsführer von Was hab' ich (© Was hab' ich/David Pinzer)
Denn diese sind in Fachsprache verfasst und werden oft nicht erklärt – hier setzt www.patientenbriefe.de an. Damit soll die Schnittstelle zwischen Krankenhaus und ambulanter Versorgung verbessert werden. Studien gehen davon aus, dass bis zu 80 Prozent der Inhalte eines Arztgespräches verloren gehen. Bei einer Nutzerbefragung von „Was hab’ ich“ kam heraus, dass bei 49 Prozent der Befragten das Entlassungsschreiben nicht erklärt wurde. Die Folge? Patienten sind verunsichert, verstehen die Medikation und was sie konkret zur Verbesserung ihres Gesundheitszustandes beitragen können unter Umständen nicht. „Als Grundlage für seine Gesundheitskompetenz benötigt der Patient individuelle und leicht verständliche Gesundheitsinformationen“, so das Portal Patientenbriefe.de. Eine höhere Gesundheitskompetenz führe zu einer Steigerung der Therapietreue: „Versteht der Patient, was seine Tabletten bewirken, ist es viel wahrscheinlicher, dass er sie auch einnimmt“, beschreibt das Portal.

Wie funktioniert es? Die Patienten willigen bei der Aufnahme in die Klinik ein, dass sie einen Patientenbrief erhalten: „Ihr Entlassbrief wird dann digital und datenschutzkonform an ‚Was hab’ ich?’ übermittelt – hier übersetzen unsere hauptamtlich angestellten Ärzte den Brief – dieser wird dann postalisch im Namen der Klinik an den Patienten verschickt“, erzählen die Macher des Portals. Momentan arbeiten drei Ärzte an dem Projekt, wobei „Was hab’ ich?“ beziehungsweise Patientenbriefe.de als Dienstleister für die Kliniken auftritt – der Service ist für die Patienten kostenlos. „Unser Ziel ist es, einmal alle Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt mit einem Patientenbrief zu versorgen“, stellen die Betreiber klar.

Von der Idee zum erfolgreichen Projekt

Das Team von „Was hab' ich“ (© Was hab' ich/David Pinzer)
Die Idee zu „Patientenbriefe“ entstand bereits im Jahr 2012: „Der Bedarf nach unseren leicht verständlichen Befund-Übersetzungen auf washabich.de war riesig und wir haben überlegt, wie wir noch mehr Patienten helfen können. Von der Idee bis zum ersten Pilotprojekt war es aber noch ein langer Weg“, erinnern sich die Beteiligten und ergänzen, dass die Sicherheit der übermittelten Daten dabei höchste Priorität hatte: „Der Entlassbrief wird ‚Ende-zu-Ende’-verschlüsselt von der Klinik zu uns übermittelt, so dass auf dem Transportweg kein Risiko für die übermittelten Daten besteht. Die anschließende Bearbeitung erfolgt ausschließlich lokal in einem abgeschotteten IT-System – die involvierten Ärzte unterliegen der Schweigepflicht.“

Seit Herbst 2015 läuft nun das Pilotprojekt konkret an der Paracelsus Klink in Bad Ems. Die Evaluation der Initiative wird vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gefördert. Bis heute sind etwa 1.300 Patientenbriefe erstellt worden: „Die ersten Ergebnisse der Evaluation zeigen, dass der Patientenbrief wirkt: Er wird als verständlich, hilfreich und informativ bewertet. Die Patienten verstehen die Medikationspläne, Diagnosen und Untersuchungen besser“, freuen sich die Initiatoren des Modellprojekts.

Antworten auf bestehende Probleme finden

Ein großes Problem an der Schnittstelle zwischen ambulant und stationär sei der sektorenübergreifende Datenaustausch. Könnte das Krankenhaus auf das Ergebnis aller ambulanten Untersuchungen zugreifen, wären keine Doppeluntersuchungen nötig. Nach einem stationären Aufenthalt sollte der weiterbehandelnde Arzt Zugriff auf die komplette Dokumentation haben, um beispielsweise den Medikationsplan nahtlos fortschreiben zu können. Wie greift der Patientenbrief an dieser Schnittstelle ein? „Wir glauben, dass der Patientenbrief es dem Patienten ermöglicht, nach dem Krankenhausaufenthalt bessere Gespräche mit seinem weiterbehandelnden Arzt zu führen. Er kann die richtigen Fragen stellen und verhält sich wahrscheinlich therapietreuer, wenn er seine Erkrankungen genau verstanden hat“, erläutern die Macher des Projektes. Denn momentan sei es so, dass beim sogenannten Entlassmanagement die Gesundheitsinformationen für die Patienten häufig noch nicht ausreichend beachtet würden: Der Patient wird über Tage oder Wochen professionell im Krankenhaus betreut – bei der Entlassung ist er dann aber auf einmal auf sich alleine gestellt. Die häusliche Pflege übernehmen meist Familienangehörige, denen in der Regel noch weniger Informationen über den Krankheitsverlauf vorliegen. Ein gut organisiertes Entlassgespräch ohne Zeitdruck sei Pflicht, aber selbst wenn dieses stattfindet, würden viele Informationen verloren gehen: „Hier helfen nur schriftliche, individuelle und leicht verständliche Gesundheitsinformationen für Patienten“, so die Verantwortlichen von Patentenbriefe.de.

Großes Interesse an Projekt

(© fotolia / ktm_2016)
Mangelnde Gesundheitskompetenz wirkt sich oft auch negativ auf die Gesundheit aus: Patienten, die ihre Befunde oder Entlassbriefe nicht verstehen, können im Gespräch mit dem Arzt nicht die richtigen Fragen stellen, oft falle es ihnen schwerer Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel für oder gegen eine Operation. Oft machten sich die Betroffenen auch größere Sorgen. „Eine große Gefahr ist auch die mangelnde Therapietreue, die häufig mit dem Unverständnis des medizinischen Vorgehens einhergeht“, erläutern die Initiatoren von „Was hab’ ich“. Das Interesse an den Patientenbriefen sei indes groß, da viele Häuser erkannt hätten, „dass ein gutes Entlassmanagement der Schlüssel zu zufriedenen Patienten und Einweisern ist“.

Momentan sind die Betreiber von Patientenbriefe.de mit zahlreichen weiteren Krankenhäusern und Klinikketten im Gespräch. Zudem wird aktuell an einer automatisierten Variante des leicht verständlichen Entlassbriefes gearbeitet: „So können einerseits Kosten und Aufwand pro Brief verringert und andererseits deutlich mehr Patienten erreicht werden“, so die Dresdner Übersetzungsexperten. Wie im April bekannt wurde, wird das Projekt vom Innovationsfonds im Bereich „neue Versorgungsformen“ gefördert – ein weiterer Beleg dafür, welche Bedeutung leicht verständlichen Gesundheitsinformationen zuerkannt wird.
Digitorial

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zum Beispiel: "19. Weltkongress Psycho-Onkologie" vom 14.-18.08.2017 in Berlin
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