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23. Januar 2018

Deutscher Herzbericht 2017

Frauen und Ostdeutsche sterben besonders oft an Herzleiden

 
Im Jahr 2015 starben in Deutschland rund 117.500 Frauen und 104.000 Männer an Herzkrankheiten. Das belegt der kürzlich in Berlin vorgestellte Herzbericht 2017. Warum die Sterblichkeit unter weiblichen Patienten so viel höher ist als bei männlichen, gibt den Fachleuten Rätsel auf. Im Vergleich der Bundesländer schneidet der Osten besonders schlecht ab.

Herzleiden sind in Deutschland noch immer Todesursache Nummer Eins. Auf die für den Herzbericht ausgewählten Diagnosen - Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, Herzklappenerkrankungen, angeborene Herzfehler und koronare Herzkrankheit (KHK) inklusive Herzinfarkt - entfallen insgesamt 23,9 Prozent aller im Jahr 2015 Gestorbenen. 46,9 Prozent davon waren männlich und 53,1 Prozent weiblich. Die Sterbeziffer (Gestorbene pro 100.000 Einwohner) beträgt im betrachteten Zeitraum bei Männern 256,7 und bei Frauen 282,1.

Gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Prof. Hugo Katus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (© pag/Fiolka)
Im Nachteil sind Frauen dem Bericht zufolge insbesondere bei der Herzinsuffizienz, der sogenannten Herzschwäche: Hier übersteigt die Sterbeziffer der Frauen die der Männer um 64 Prozent. Bei Herzrhythmusstörungen sind es demnach 51,1 Prozent und bei Herzklappenerkrankungen 54,8 Prozent. Prof. Hugo Katus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, nennt diese Abweichungen "unerwartet groß" und "nicht ohne Weiteres erklärlich". Prof. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, ergänzt: "Diese Unterschiede lassen darauf schließen, dass Frauen mit diesen Herzkrankheiten eine ungünstigere Prognose als männliche Patienten haben." Es gelte, geschlechtsspezifische Besonderheiten etwa bei der Wirkung von Medikamenten, in der Anatomie von Herz und Gefäßen sowie bei der Symptomatik von Herzleiden verstärkt zu berücksichtigen.

Unter den Patienten mit KHK zeichnet sich dagegen ein anderes Bild ab: Während hier die Sterbeziffer der Frauen laut Herzbericht 143,5 beträgt, liegt sie bei den Männern mit 169,0 deutlich höher. In einer zusätzlichen Analyse fanden die Autoren heraus, dass es beim akuten Herzinfarkt ähnlich aussieht. Die Sterbeziffer der Frauen ist in diesem Punkt um 25,6 Prozent niedriger als die der Männer.

Bessere Aufklärung könnte Leben retten

Die KHK als Grunderkrankung des Herzinfarkts hat mit mehr als 128.000 Fällen zudem einen dominierenden Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit im Jahr 2015 (2014: 121.166). Auch die Zahl der Menschen, die an Herzinsuffizienz starben, liegt deutlich höher als im Vorjahr: 2015 waren es rund 47.414 Personen und damit 2.863 mehr als 2014 (44.551).

(© pag/Fiolka)
Die Herzschwäche zählt darüber hinaus zu den häufigsten Anlässen für einen Krankenhausaufenthalt in Deutschland mit mehr als 455.000 Fällen pro Jahr. Sie ist meist eine Folge anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie KHK, Bluthochdruck, Klappenerkrankungen oder Rhythmusstörungen. Durch frühzeitige Diagnose, Therapie und die Reduktion von Risikofaktoren lässt sich der Krankheit jedoch gut vorbeugen. "Viele Klinikeinweisungen und Sterbefälle durch Herzschwäche und andere Herzkrankheiten könnten durch verbessertes Wissen über die Krankheitssymptome, richtiges Notfallverhalten bei den Betroffenen und Vorsorgemaßnahmen wie frühzeitige Blutdruck- oder Pulsmessung vermieden werden", betont Meinertz. "Deswegen sind Anstrengungen in der Aufklärung unverzichtbar."

Bildungsunterschiede beeinflussen Gesundheitsverhalten

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Herzerkrankungen zählen dauerhaftes Sitzen, Rauchen, Übergewicht und ungesunde Ernährung. Unter Menschen mit niedrigem Bildungsstand sind diese besonders verbreitet, stellen die Autoren des Herzberichts fest. "Je höher der Bildungsstand, desto gesünder verhalten sich die Menschen: Sie rauchen weniger, sind sportlich aktiver und essen mehr Obst und Gemüse", bestätigt Privatdozentin Dr. Hannelore Neuhauser vom Robert Koch-Institut, die am Kapitel Prävention mitgewirkt hat. Diese Personen "steuern so Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes oder psychosozialem Stress entgegen, die wiederum zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche führen".

Mehr Herzinfarkt-Tote im Osten als im Westen

Vorstellung des Herzberichts 2017 (© pag/Fiolka)
Während 1990 in Deutschland noch etwa 85.600 Einwohner an einem Herzinfarkt starben, ist diese Zahl dem Herzbericht zufolge im Jahr 2015 auf rund 49.200 gesunken. Die Autoren führen diese Entwicklung darauf zurück, dass immer weniger Menschen rauchen und sich Diagnostik, Therapie und Abläufe in den Kliniken deutlich verbessert haben. Gleichzeitig weisen sie auf gravierende Unterschiede in den Sterbeziffern zwischen den Bundesländern hin: Sie ist in Brandenburg am höchsten (83), gefolgt von Sachsen-Anhalt (82), Thüringen (69) und Mecklenburg-Vorpommern (68). Das Schlusslicht im Ländervergleich bildet Schleswig-Holstein, das mit 42 Herzinfarkt-Toten pro 100.000 Einwohner die geringste Sterbeziffer aufweist.

Zum Vergleich: Die Sterbeziffer in Brandenburg liegt somit 47,3 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, in Schleswig-Holstein 25,5 Prozent darunter. Das könnte an der regional sehr unterschiedlichen Verteilung der Ärzte liegen, vermutet Meinertz. "Kritisch sehen wir, dass die Bundesländer mit der geringsten Kardiologendichte zugleich gegen eine überdurchschnittlich hohe Infarktsterblichkeit ankämpfen", bemängelt er und fordert, dort die kardiologische Versorgung etwa durch mehr ambulante Diagnostik und Therapie zu verbessern.

Wer in die kardiovaskuläre Forschung investiert

Die Autoren des Herzberichts wollten darüber hinaus wissen, woher das Geld für die kardiovaskuläre Forschung an deutschen Hochschulen und Instituten stammt. Der Analyse widmen sie in ihrem jüngst erschienenen Werk ein eigenes Kapitel: Eine Datenbankabfrage beim ISI Web of Science vom 27. November 2017 zeigt, dass die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) im kardiovaskulären Bereich vor den National Institutes of Health, der Europäischen Union, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Deutschen Zentrum für Herz- und Kreislaufforschung der in wissenschaftlichen Publikationen am häufigsten genannte öffentliche Drittmittelgeber im Jahr 2016 ist. Auch Stiftungen wie die British Heart Foundation, die französische Foundation LeDucq und die American Heart Association spielen demnach eine wichtige Rolle in der Finanzierung der Herzforschung in Deutschland.

Insgesamt kommen die öffentlichen Geldgeber im Betrachtungszeitraum jedoch lediglich auf einen Anteil von 28,5 Prozent an den Nennungen als Sponsoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Im Jahr 2011 habe der Anteil noch bei fast 40 Prozent gelegen, heißt es - wobei die Zahl der Nennungen nicht gleichzusetzen sei mit der Höhe der Förderung.

Pharmaindustrie ist wichtiger Sponsor

Im Gegenzug gewinnen Medizinprodukte-Hersteller diesbezüglich offenbar an Einfluss: Sie unterstützen laut Herzbericht insgesamt 15,6 Prozent der 2016 bewilligten Forschungsprojekte. Damit liegt ihr Anteil an den Nennungen etwa doppelt so hoch wie noch im Jahr 2011 (8,5 Prozent). Etwa die Hälfte und damit den Löwenanteil unter den am häufigsten genannten Sponsoren machen allerdings Pharma-Unternehmen aus: Zwölf Arzneimittelhersteller haben es unter die Top 25 geschafft. Spitzenreiter im Ranking ist das Medizintechnik-Unternehmen Medtronic mit knapp 5.000 Nennungen, gefolgt von der DFG (rund 4.500) und dem Pharmakonzern Bayer (etwa 3.800).
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Literaturtipps
Die stille Macht der Mikroben

"Die stille Macht der Mikroben. Wie wir die kraftvollsten Gesundmacher bei der Arbeit unterstützen können." von Alanna Collen
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zum Beispiel: "Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz" am 19.02.2018 in Berlin
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