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30. Mai 2017

Baden-Württemberg

Modellprojekte zur Fernbehandlung starten

 
In Baden-Württemberg beginnt ein innovatives Projekt zur Patientenversorgung: In Modellversuchen dürfen Ärzte Patienten ausschließlich über Telefon und neue Medien behandeln – ein Paradigmenwechsel in der medizinischen Versorgung.

Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg (© Ärztliche Pressestelle, Landesärztekammer Baden-Württemberg)
„Erstmals in Deutschland gestatten wir, dass ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden“, erläutert der Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, Dr. Ulrich Clever. Als eines von zahlreichen denkbaren Modellen schwebt dem Kammerpräsidenten vor, dass Ärzte außerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen und unabhängig von Notfallpraxen von Patienten angerufen werden. Der Arzt erfragt am Telefon die medizinisch relevanten Informationen und erhebt einen Befund. Dabei kann er auch durch Fotos, die über ein Smartphone übertragen werden, unterstützt werden. Er stellt eine Diagnose, führt eine individuelle Beratung durch und leitet die Therapie ein. Wenn nötig, kann auch ein Arzneimittel-Rezept und eine Krankschreibung ausgestellt werden. Zur telefonischen Beratung gehört außerdem, den Patienten über die besonderen Rahmenbedingen der ausschließlichen Fernbehandlung aufzuklären.

Musterberufsordnung untersagt Fernbehandlung

Bislang ist eine ausschließliche Fernbehandlung berufsrechtlich untersagt. In der Musterberufsordnung (Paragraf 7) der Bundesärztekammer heißt es:

„Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“

Somit können ärztliche Fernbehandlungen und Telemedizin bisher nur bei „Bestandspatienten“ erfolgen, also bei solchen Patienten, die die Mediziner zuvor bereits in einem persönlichen Gespräch kennengelernt haben. Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte die Vertreterversammlung der Landesärztekammer Baden-Württemberg mit großer Mehrheit den Weg für den bundesweit einmaligen Grundsatzbeschluss freigemacht und die ärztliche Berufsordnung geändert. Diese gestattet seither Modellversuche zur Fernbehandlung, die allerdings zuvor von der Landesärztekammer genehmigt und während der Laufzeit evaluiert werden müssen.

Kriterienkatalog erarbeitet

(© Fotolia / Minerva Studio)
Die Kammer hat inzwischen einen umfangreichen Kriterienkatalog erarbeitet, den diejenigen Organisationen erfüllen müssen, die sich für die Modellprojekte bewerben wollen. Clever erläutert: „Eine der Bedingungen ist beispielsweise, dass der medizinische Standard auch bei Fernbehandlungen eingehalten werden muss.“ Im Hinblick auf die Patientensicherheit müssten die krankheits- und patientenbezogenen Umstände in die Entscheidung über Art und Umfang der Fernbehandlung einbezogen werden. Auch der Datenschutz und die Qualitätssicherung hätten höchste Priorität.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg läutet mit ihrer Neuregelung einen Paradigmenwechsel ein, ist der Kammerpräsident überzeugt. „In anderen Ländern ist das längst Versorgungsrealität. Wir reagieren nicht zuletzt auf die große Nachfrage nach derartigen innovativen Lösungen aus den Reihen unserer Mitglieder“, sagt Clever. Auch bei Patienten, in der Politik, bei den Krankenkassen und in der Industrie sei das Interesse an dem Vorstoß riesig. „Wir sehen in den Modellprojekten vielfältige Chancen für die Zukunft, gerade auch vor dem Hintergrund der Demografie und des technisch Machbaren. Und wir gehen davon aus, dass wir mit unserem Weg auch dem allenthalben spürbaren Ärztemangel ein Stück weit begegnen können“, gibt sich der Kammerpräsident optimistisch. Interessierte Projektträger können sich ab sofort für die Teilnahme an der Initiative bewerben. Die behandelnden Ärzte müssen allerdings aus Baden-Württemberg kommen. Da bereits einige Organisationen ihr Interesse bekundet haben, könnten laut Ärztekammer eventuell schon ab Herbst erste Patienten im Rahmen der Modellprojekte behandelt werden.
Digitorial

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