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28. Juli 2017

Tropenkrankheiten

Weltweite Bedrohung trotz enormer Fortschritte

 
Sie heißen Schlafkrankheit, Elephantiasis oder Chagas und richten in den ärmsten Ländern der Welt unendlich viel Leid und Schaden an: die vernachlässigten Tropenkrankheiten. Allerdings haben sich in den letzten Jahrzehnten die Behandlungsmöglichkeiten deutlich verbessert. Ein Überblick.

(© pixabay)
Über eine Milliarde Menschen weltweit leidet an einer vernachlässigten Tropenkrankheit (NTD), darunter mehr als eine halbe Milliarde Kinder. Dies ist dem Vierten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten vom April 2017 zu entnehmen. NTDs treten zwar deutlich seltener auf als die „großen Drei“ Malaria, Tuberkulose und HIV/AIDS, führen aber zu schweren Einschränkungen und Behinderungen, schwächen die Betroffenen und sind eine der Mitursachen für den ewigen Teufelskreis der Armut. Sie sind auch ein Grund dafür, dass Kinder nicht zur Schule gehen und Erwachsene nicht arbeiten können und verringern die Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum. Rund eine halbe Million Menschen sterben jährlich an einer vernachlässigten Tropenkrankheit. Gegen einige der Erkrankungen gibt es heute sichere und wirksame Behandlungs- und Prüfmethoden. Die Herausforderung besteht darin, die Betroffenen, die kaum einen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, in armen und entlegenen Gebieten zu erreichen. Für andere Erkrankungen müssen noch geeignete Mittel zu ihrer Bekämpfung gefunden werden.

Fortschritte in der Behandlung

Der jüngste WHO-Bericht zeigt, dass es deutliche Fortschritte bei der Behandlung vieler dieser Erkrankungen gibt. Demnach werden heute mehr Menschen von Maßnahmen zur Bekämpfung von NTDs erreicht als je zuvor. Im Jahr 2015 erhielten fast eine Milliarde Menschen eine gespendete Behandlung für mindestens eine NTD. Dies bedeutet eine Steigerung von 36 Prozent seit dem Jahr 2011. Da immer mehr Regionen, Länder und Gebiete es schaffen, bestimmte Tropenkrankheiten ausrotten, ist die Anzahl der Menschen, die behandelt werden müssen, von zwei Milliarden im Jahr 2010 auf 1,6 Milliarden im Jahr 2015 gesunken. Pharma-Unternehmen tragen insbesondere mit gespendeten Medikamenten zu den Bekämpfungsprogrammen bei. Ein erstes solches Programm wurde 1987 begonnen, viele weitere sind im Laufe der Jahre dazu gekommen, manche von ihnen sind hinsichtlich der Liefermenge und auch im Zeithorizont unlimitiert.

Londoner Erklärung

Möglich wurden die Fortschritte bei der Behandlung der NTDs durch eine zunehmende Entschlossenheit im öffentlichen und privaten Sektor. Ein Meilenstein war dabei die Londoner Erklärung von Januar 2012. Die Bill & Melinda Gates Stiftung, 13 Pharmaunternehmen, die Regierungen der USA, des Vereinigten Königreichs, der Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Weltbank und andere globale Organisationen vereinbarten in der „London Declaration on Neglected Tropical Diseases“ bis Ende des Jahrzehnts zehn NTDs unter Kontrolle zu bringen oder sogar auszurotten.

Zukünftige Herausforderungen meistern

(© Pixabay)
Trotz der enormen Fortschritte können die Krankheiten nicht ohne verstärkte finanzielle Unterstützung, stärkeres politisches Engagement und ein besseres Instrumentarium zur Prävention, Diagnose und Behandlung bekämpft und ausgerottet werden, heißt es von Seiten der WHO. Investiert werden müsse insbesondere auch in Forschung und Entwicklung. Die Organisation schätzt, dass 340 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika durch neue Investitionen von 150 Millionen Dollar pro Jahr bis zum Jahr 2020 erreicht werden könnten. Wichtig sei das politische Engagement auch in den Ländern selbst, um die bereits erzielten Fortschritte zu erhalten und weiterzuführen. Einige Länder hätten die Bekämpfung der NTDs in ihre nationalen Gesundheitssysteme aufgenommen. Äthiopien habe sich beispielsweise der Bekämpfung des Trachoms verschrieben und erhebliche Gelder bereitgestellt. Ein Schwerpunkt sei die Ausbildung von Chirurgen, die Augenlid-Operationen durchführen, mit denen das Trachom behandelt werden kann.

Und wie engagiert sich Deutschland?

Deutschland hat die Gesundheitssystemstärkung in den Mittelpunkt seiner gesundheitsbezogenen‎ Entwicklungszusammenarbeit gestellt, erklärt Harald Zimmer, stellvertretender Sprecher des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs), beim Weltgesundheitsgipfel im April in Genf. Es liege aber auf der Hand, dass nicht alle Gesundheitsleistungen sofort, gleichzeitig und überall zur Verfügung gestellt werden können. „Eine Prioritätensetzung ist notwendig“, sagt Zimmer, der zugleich Senior Referent Internationales beim Verband der Pharma-Unternehmen (vfa) ist. „Die Kosteneffizienz und die Armenorientierung der Bekämpfung der vernachlässigten Tropenkrankheiten sind die Gründe dafür, dass deren Unterstützung im Rahmen der Gesundheitssystemstärkung eine hohe Priorität gegeben werden sollte.“ Die Ausbildung von Gesundheitshelfern im Rahmen von NTD-Programmen habe außerdem selbst einen systemstärkenden Effekt. Dennoch seien weitere vereinte Anstrengungen notwendig, weshalb das Netzwerk an die Bundesregierung appelliert, bereits existierende Programme zur Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten zu unterstützen.

Um welche Krankheiten geht es?

Lymphatische Filariose (LF)
Die LF ist eine Erkrankung, bei der sich Würmer vorwiegend in den Lymphgefäßen ansiedeln. Die Larven der Würmer werden über Stechmücken übertragen. Bei der Behandlung wurden erhebliche Fortschritte erzielt, um die Transmission der LF zu unterbrechen und das Leiden der betroffenen Bevölkerungsgruppen zu lindern.
  • Allein im vergangenen Jahr haben 8 Länder − Kambodscha, Cookinseln, Malediven, Niue, Sri Lanka, Vanuatu, Marshallinseln und Togo − die LF als öffentliches Gesundheitsproblem bewältigt. 10 weitere Länder warten auf die Ergebnisse der Überwachung, um die Eliminierung zu überprüfen.
  • Die Gesamtzahl der Personen, für die eine Massenbehandlung gegen LF erforderlich ist, sank von 1,4 Milliarden im Jahr 2011 auf 947 Millionen im Jahr 2015.
  • Ende 2015 erreichte die Flächenabdeckung für die LF-Behandlung 59 Prozent, ein Anstieg um 56 Prozent gegenüber 2008.
  • Drei Unternehmen spenden Medikamente, um LF zu behandeln und zu verhindern: Eisai (Diethylcarbamazin oder DEC), GlaxoSmithKline (Albendazol) und MSD (Ivermectin).

Dracontiasis (Drakunkulose oder Medinawurmerkrankung)
Dracontiasis ist eine durch den Medinawurm hervorgerufene Infektion, die zu Geschwürbildungen und starken Schmerzen führt. Die Larven werden über ungefiltertes Trinkwasser aufgenommen. Die Dracontiasis steht kurz davor, als zweite beim Menschen auftretende Krankheit der Geschichte gänzlich ausgerottet zu werden. Waren vor 30 Jahren noch mehr als 3 Millionen Menschen in 20 Ländern geplagt hat, steht sie heute, mit nur 25 Fällen in drei Ländern, kurz vor der Ausrottung.

Onchozerkose (Flussblindheit)
Die Flussblindheit wird von Fadenwürmen hervorgerufen, die zu einer Infektion der Augen bis zur Erblindung führen. Sie werden über die Kriebelmücke übertragen, die vorwiegend in der Nähe fließender Gewässer lebt. Die Erkrankung wurde in fast allen Regionen Amerikas eliminiert.
  • Guatemala (2016), Mexiko (2015), Ecuador (2014) und Kolumbien (2013) wurden als „Onchozerkose-frei“ erklärt. Der letzte Schritt zur Befreiung der gesamten Region von dieser Krankheit besteht darin, sie in den indigenen Gemeinschaften zu beseitigen, die im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Venezuela leben.
  • MSD spendet Ivermectin zur Behandlung der Onchozerkose.

Schistosomiasis (Bilharziose)
Bilharziose wird durch sogenannte Pärchenegel ausgelöst, die in Süßwasser leben. Der Wurmbefall führt zu schweren Organschäden, insbesondere bei Darm, Leber, Blase, Nieren und Lungen. In Afrika wurden bemerkenswerte Fortschritte gegen die Schistosomiasis erzielt.
  • 74,3 Millionen Menschen wurden 2015 behandelt, dies ist eine vierfache Erhöhung der Flächenabdeckung gegenüber dem Zeitraum 2008-2015
  • 2015 wurden 87 Prozent der betroffenen Länder vollständig hinsichtlich des Vorkommens von Schistosomiasis kartiert. Nur in Angola, der Zentralafrikanische Republik, Äthiopien, Südafrika und im Südsudan gibt es Gebiete, die noch überwacht werden müssen.
  • Merck KGaA spendet Praziquantel zur Behandlung von Schistosomiasis.

Bodenübertragene Helminthen (auch: Geohelminthen)
Helminthen sind Würmer, die zwischen einigen Millimetern und mehreren Metern lang werden können. Ihre Larven können sich in die Haut bohren und zu schweren Schäden insbesondere bei Kindern und Schwangeren führen. Die Behandlungsreichweite hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, insbesondere bei Kindern.
  • Die Gesamtzahl der gemeldeten Behandlungen bodenübertragener Helminthosen stieg von 261 Millionen im Jahr 2010 auf 447 Millionen im Jahr 2014.
  • Die Behandlungsrate für Kinder stieg von nur 10 Prozent im Jahr 2003 auf 59 Prozent im Jahr 2015. Die WHO ist optimistisch, dass das globale Ziel einer Behandlungsrate von 75 Prozent bis 2020 erreicht wird.
  • Seit 2011 haben 29 Länder in Afrika eine mehr als 75-prozentige Behandlungsrate für bodenübertragene Helminthosen bei Kindern im Vorschulalter erreicht, und 19 weitere Länder erreichten die gleiche Behandlungsrate für Kinder im Schulalter.
  • GlaxoSmithKline und Johnson & Johnson spenden Albendazol und Mebendazole, um bodenübertragene Helminthosen zu behandeln.
  • Johnson & Johnson haben kürzlich eine neue Form von kaubaren Mebendazole Medikamenten für Kinder entwickelt und genehmigt bekommen.

Trachom
Trachom ist eine Entzündung der Bindehaut, die zur Erblindung führen kann. Betroffen sind vor allem Kinder, die Krankheit wird meist über eine Schmierinfektion übertragen. Der verbesserte Zugang zu Daten und die strengen Verpflichtungen der einzelnen Länder haben den Weg für signifikante Behandlungsfortschritte gegen das Trachom geebnet.
  • Bis Ende 2016 hat die WHO für Oman, Marokko und Mexiko offiziell erklärt, dass das Trachom als öffentliches Gesundheitsproblem beseitigt wurde. China, Gambia, Ghana, Iran, Laos und Myanmar haben ebenfalls berichtet, die Zielvorgaben für die Elimination der Erkrankung erreicht zu haben.
  • Das Globale Trachoma Mapping-Projekt, das bis Ende 2015 lief, hat zuverlässige epidemiologische Daten zur Bekämpfung der Krankheit erhoben. Die Initiative ergab, dass doppelt so viele Menschen behandelt werden müssen, wie zuvor gedacht. Mit den neuen Daten können die betroffenen Länder genauer die Bevölkerungsgruppen bestimmen, die das höchste Risiko haben, am Trachom zu erkranken.
  • Pfizer spendet Azithromycin zur Behandlung des Trachoms und verdoppelte die Spenden in den letzten beiden Jahren als Reaktion auf die verbesserten Kartierungsdaten.

Chagas-Krankheit
Die Chagas-Krankheit ist eine Infektionskrankheit, die vorwiegend durch den Biss von Raubwanzen und durch Bluttransfusionen übertragen wird. Sie löst Fieber, Luftnot und Bauchschmerzen aus und kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen am Herzen oder im Gehirn führen. Sie kommt hauptsächlich in Lateinamerika vor.
  • 2015 wurden in allen lateinamerikanischen Ländern standardmäßig Blutuntersuchungen auf die Chagas-Krankheit bei Blutspenden durchgeführt, wodurch sich das Risiko einer Transmission durch Bluttransfusionen erheblich verringert hat.
  • Die Gesamtzahl der Patienten mit der Chagas-Krankheit, die entweder mit Benznidazol oder mit Nifurtimox behandelt werden, hat sich in den letzten 3 Jahren mehr als verdreifacht.
  • Bayer spendet Nifurtimox zur Behandlung der Chagas-Krankheit.

Afrikanische Trypanosomiasis (Schlafkrankheit):
Die Tsetsefliege überträgt den Erreger der Schlafkrankheit. Die Infektion löst zunächst Fieber, Schüttelfrost und Lymphknotenschwellungen aus und führt im Endstadium zu einem schläfrigen Dämmerzustand. Die Erkrankung könnte bis 2020 eliminiert werden, wenn sich die heutigen Fortschritte weiter fortsetzen.
  • 2015 wurden weltweit nur 3.000 Fälle berichtet, gegenüber 10.000 im Jahr 2009 und fast 40.000 im Jahr 1998.
  • Die Anzahl der Menschen mit einem hohen oder sehr hohen Risiko, an der Schlafkrankheit zu erkranken, hat von 6,3 Milliarden in den Jahren 2000-2004 auf 1,2 Millionen in den Jahren 2010-2014 abgenommen.
  • Bayer spendet Suramin und Sanofi spendet Eflornithin, Arsobal und Pentamidin, um die Schlafkrankheit zu behandeln.

Lepra
Die durch den Erreger Mycobacterium leprae ausgelöste Krankheit wird durch Tröpfcheninfektion übertragen und verursacht ein Absterben der Nerven, was wiederum zu Entzündungen und Absterben ganzer Körperbereiche führen kann. Seit den 1980er Jahren, als die Kombinationstherapie (Multi Drug Therapy, MDT) auf den Markt kam, um die Transmission zu stoppen, wurde die weltweite Zahl der Leprafälle um 99 Prozent gesenkt.
  • Die Anzahl der Neuansteckungen in 8 der letzten 9 Jahre ist zurückgegangen.
  • Novartis spendet Rifampin, Clofazimin und Dapson zur Behandlung der Lepra.

Viszerale Leishmaniose (VL oder Kala Azar)
VL wird von Parasiten hervorgerufen, die Ansteckung erfolgt in der Regel über Insekten, vor allem durch die Schmetterlingsmücke. Betroffen sein können die Haut und Schleimhäute, aber auch innerer Organe wie Lymphknoten, Milz und Leber. Ohne Behandlung verläuft die Erkrankung oft tödlich. Dank weltweiter Anstrengungen ist die Belastung mit VL in Südostasien erheblich zurückgegangen.
  • • Die Zahl der Fälle in Bangladesch, Indien und Nepal ist im Zeitraum von 2007-2015 um 82 Prozent zurückgegangen.
  • • Seit 2012 ist die Inzidenz von berichteten VL-Fällen in Bangladesch, Indien und Nepal um jeweils 67, 61 und 46 Prozent zurückgegangen.
  • • Gilead spendet AmBisome zur Behandlung von VL.

Quelle: WHO



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"Gesundheitsselbsthilfe im Wandel. Themen und Kontroversen'" von Martin Danner, Rüdiger Meierjürgen
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