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12. Juli 2017

Zwei Jahre Präventionsgesetz

„Bisher ist nichts erreicht worden“

 
Vor zwei Jahren ist das Präventionsgesetz in Kraft getreten. Ein Schwerpunkt des neuen Regelwerks liegt auf der Gesundheitsvorsorge in den sogenannten Lebenswelten. Was hat sich seitdem bei Prävention und Gesundheitsförderung in den Betrieben getan? So gut wie nichts, sagt Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW).

Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) (© VDBW)
Durch das Präventionsgesetz haben Betriebsärzte mehr Möglichkeiten bekommen, bei Prävention und Gesundheitsförderung mitzuwirken. Wie fällt Ihre Bilanz für die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) aus?
Wir haben noch nichts erreicht – weder beim Impfen noch bei der Gesundheitsvorsorge generell. Der Ärztetag hat im Mai die Krankenkassen dazu aufgerufen, ihre Blockadehaltung gegenüber den Betriebsärzten zum Thema Impfen endlich aufzugeben. Das war noch einmal ein deutliches Signal dafür, dass bisher noch nichts umgesetzt wurde. Wir haben viele Gespräche mit Krankenkassen und Landesgesundheitsministern zum Impfen geführt – aber es gibt immer noch keine einzige Vereinbarung. Dabei ist gerade das Impfen eine Maßnahme, bei der die Kosten nicht sehr hoch sind und außerdem sehr konkret benannt werden können. Aber die Bereitschaft der Kassen fehlt.

Gilt das für alle Kassen?
Es gibt einzelne Kassen, die das Impfen im Betrieb unterstützen würden, aber nur für ihre Versicherten. Das ist jedoch bei der Krankenkassenvielfalt mit 50 oder 60 verschiedenen Kassen in einem Betrieb nicht umsetzbar. Es ist ethisch nicht zu vertreten, wenn jemand aus einer BKK geimpft wird, jemand aus einer AOK aber nicht. Solch ein Vorgehen können wir als Betriebsärzte nicht mittragen. Wir brauchen eine gemeinsame Vereinbarung mit der GKV, über alle Krankenkassen hinweg, und nicht mit einer einzelnen Kasse.

Müsste das Gesetz an dieser Stelle verschärft werden?
Nein, eine Gesetzesänderung halte ich nicht für notwendig. Es bräuchte vor allem mehr Druck seitens der Politik. Aus meiner Sicht müsste das Bundesgesundheitsministerium den Krankenkassen mit entsprechendem Nachdruck den Wunsch verdeutlichen, dass das Präventionsgesetz auch umgesetzt werden soll. Dann würde auch etwas passieren. Eine kleine Sanktion gibt es: Wenn die Kassen die für die Prävention vorgesehenen Mittel nicht ausgeben, müssen sie diese in einen zentralen Fonds einzahlen. Aber ich bin mir sicher, dass die Kassen sehr kreativ sein werden und zum Beispiel einen Sportlehrer, den sie vorher aus dem Marketing-Topf bezahlt haben, jetzt als Präventionsleistung verbuchen.

Welchen Mehrwert können die Betriebsärzte über das Impfen hinaus bei der Gesundheitsvorsorge bieten?
Nach Paragraf 132f. SGB V können Betriebsärzte Untersuchungen zur Gesundheitsvorsorge durchführen und Präventionsempfehlungen geben. Wir als VDWB sind gegenwärtig dabei einen Leitfaden dafür zu erarbeiten, was in der Prävention beim Betriebsarzt sinnvoll ist. Ist es zum Beispiel sinnvoll, einen PSA-Wert oder andere Tumormarker zu bestimmen? Wir wollen eine Dreiteilung vornehmen: Erstens wollen wir das identifizieren, was ein absolutes Muss an Laborleistungen ist, um eine gute Präventionsberatung zu machen. Außerdem wollen wir eine mittlere Variante benennen, wenn man ein bisschen mehr ausgeben kann, sowie eine High-End-Variante.

Zur Person
Dr. Wolfgang Panter ist Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW). Der 67-Jährige stammt aus dem Saarland und studierte Medizin in Homburg, Würzburg und Heidelberg. Seit 1978 ist der Facharzt für Arbeitsmedizin sowie für Allgemein-, Sport- und Umweltmedizin Mitglied im VDBW. 1999 trat er an die Spitze des Verbandes. Panter sitzt im Ausschuss für Arbeitsmedizin beim Bundesarbeitsministerium. Er leitet den Unterausschuss II, der sich mit der Weiterentwicklung der Arbeitsmedizin befasst.

Können Sie das konkretisieren?
Zur Basisvariante gehört aus unserer Sicht beim Labor der Blutzucker und das Non-HDL-Cholesterin. Diese Werte sind ein absolutes Muss. Will man weitergehen, kann man auch Leberparameter abfragen. High End wäre eine Duplex-Sonographie der Halsgefäße, um Plaques in den Gefäßen festzustellen. Der Leitfaden soll auch zeigen, was mit einfachen Mitteln umgesetzt werden kann. Zum Beispiel hat sich gezeigt, dass es sinnvoller ist, den Bauchumfang zu messen als den Body Mass Index (BMI) zu berechnen. Und er wird Empfehlungen für die Präventionsberatung enthalten. Für uns geht es darum, diese Erkenntnisse in die Betriebsärzteschaft hineinzutragen. Außerdem benötigen wir auch innerhalb unserer Organisation einen Konsens darüber, welche Präventionsleistungen wir erbringen wollen.

Gibt es bestimmte Erkrankungen, bei denen eine arbeitsmedizinische Vorsorge besonders sinnvoll ist?
Das sind zum einen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sie bergen das größte Risiko für schwerwiegende Einschränkungen. Muskel-Skelett-Erkrankungen gehören auch dazu. Wir wollen die Kollegen zu einer ganzheitlichen Untersuchung anleiten und schauen, welche Risiken eine Person hat. Dazu gehört zum Beispiel auch, auf den Zustand der Haut oder auf eine Skoliose zu achten.

Vorsorge und Prävention sind auch Aufgaben der Hausärzte. Bauen wir nicht Doppelstrukturen auf, wenn sich die Betriebsärzte dem Thema immer mehr zuwenden?
Nein, das sehe ich nicht so. Zum einen sind die Hausärzte stärker therapeutisch ausgerichtet: Zum Hausarzt gehen Sie in aller Regel, weil Sie gesundheitliche Probleme haben und behandelt werden möchten. Wir sehen uns als Ergänzung. Zum anderen gehen etwa zehn bis 15 Prozent der Beschäftigten nicht zum Arzt. Das ist eine nennenswerte Klientel, gerade aus den unteren sozialen Schichten, die wir gezielt zur Gesundheitsvorsorge ansprechen können.

Bei der Prävention in den Betrieben geht es auch darum, die gesundheitlichen Ressourcen des Einzelnen zu fördern. Welche Ansätze gibt es dafür?
Ich halte viel von dem Grundsatz „Führen durch positives Beispiel“. Gesundheitskompetenz bei Führungskräften bedeutet, dass sie ihre eigene Gesundheit wahrnehmen. Sie müssen sich bewusst darüber werden, dass sie für ihr Wohlbefinden selbst verantwortlich sind, dann strahlen sie das auch in die Mannschaft aus. Das ist eine wichtige Vorbildfunktion, die die Führungskräfte innehaben. In der gewerblichen Belegschaft ist das nicht der Betriebs- oder Werkleiter, sondern der Meister, also der direkte Vorgesetzte. Sein Verhalten und seine Gesundheitskompetenz sind ganz entscheidend. Deswegen müssen die Führungskräfte geschult werden, das ist eine ganz wichtige Aufgabe der Betriebsärzte.

Wir reden in der Regel von Großbetrieben. Die meisten Erwerbstätigen arbeiten jedoch in kleinen und mittelgroßen Unternehmen, in denen keine Betriebsärzte arbeiten. Wie können sie erreicht werden?
Es gibt überbetriebliche Dienste, die die kleinen und mittleren Betriebe versorgen. Zum Beispiel hat die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft einen überbetrieblichen Dienst eingerichtet, dem alle Firmen der Branche angeschlossen sind und der die einzelnen Unternehmen betreut. Die Betriebsärzte gehen in regelmäßigen Abständen in die Betriebe, laden die Mitarbeiter zu Untersuchungen ein und führen Schulungen durch.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit die Chancen, die das Präventionsgesetz bietet, realisiert werden könnnen?
Wir brauchen vor allem mehr Unterstützung von der Politik. Insbesondere müsste mehr Druck auf die Kassen ausgeübt werden, jetzt zu Potte zu kommen. Wie bei allen neuen Gesetzen muss man auch beim Präventionsgesetz darauf einwirken, dass es umgesetzt wird.

Und das bedeutet konkret...
Wir brauchen einen runden Tisch, an dem wir darüber sprechen, was wir bisher erreicht haben, wo wir hinwollen und welche konkreten Projekte wir angehen wollen. Man kann in ein oder zwei Regionen etwas ausprobieren und nach einem halben Jahr schauen, wie weit wir gekommen sind. Wir werden noch einmal mit einigen Parlamentariern sprechen, und ihnen erklären, dass wir mit der bisherigen Entwicklung unzufrieden sind. Es gibt einige Abgeordnete, die ein hohes Interesse an dem Thema haben. Im Hinblick auf die Bundestagswahl wollen wir Wahlprüfsteine zusammenstellen, also genau gucken, welche Positionen die einzelnen Parteien vertreten, da wird die Umsetzung des Präventionsgesetzes eine wichtige Rolle spielen.
Ein weiterer Aspekt, den ich persönlich für sehr wichtig halte, ist die Bewusstseinsbildung der Bevölkerung zum Thema Prävention. Jeder hat die Verantwortung für seine eigene Gesundheit, darüber muss sich jeder klar werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sollte diesen Prozess mit Kampagnen unterstützen, aber da habe ich bis jetzt auch noch nichts gesehen.
Digitorial

Literaturtipps
Cover Spork

"Gesundheit ist kein Zufall.'" von Peter Spork
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Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "11. Nationaler Qualitätskongress Gesundheit" vom 27.-28.11.2017 in Berlin
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