Drucken

Damit der Patient versteht, was der Arzt sagt

Ob Patientenuniversitäten, Patientenhochschulen oder Gesundheits-Universitäten – sie alle verfolgen das gleiche Ziel: Den Medizin-Laien aufklären und Prävention leisten. Patienten-Empowerment heißt das Zauberwort.

Um die junge Frau hat sich eine Traube gebildet. Ein älterer Mann zieht sich schon einmal die Einweg-Handschuhe an, andere schauen nur gebannt zu, während die Mitarbeiterin das Organ in den Händen hält und erklärt: „Hier kommt der Harnleiter raus.“ Doch der Herr hat sich die Handschuhe nicht umsonst angezogen. „Sie können gerne einmal anfassen.“ – Willkommen an der Lernstation der Patientenuniversität Hannover. Nach der Vorlesung zu einem spezifischen Thema können die Teilnehmer an den Mitmachstationen in die Praxis eintauchen und tiefergehende Fragen stellen. Das veranschaulicht die Patienten-Uni in einem Imagefilm, der auf der Homepage der Einrichtung aufrufbar ist. Bei den Anschauungsobjekten handelt es sich natürlich nicht um echte Organe, sondern um Modelle.

Patientenuniversitäten: Den Medizin-Laien aufklären und Prävention leisten.

An solchen „Unis“ können die „Studenten“ nicht ihren Doktor erlangen oder nach dem Abschluss am offenen Herzen operieren. Patientenuniversitäten haben einen anderen Charakter. Sie richten sich – wie der Name schon sagt – an Patienten und an interessierte Laien. Ziel ist das Patienten-Empowerment. Die erste dieser etwas anderen Bildungseinrichtungen gründete sich 2007 in Hannover. Mittlerweile gibt es ähnliche Initiativen in Essen, Braunschweig, Dortmund, Darmstadt und Jena.

Die erste ihrer Art: die Patientenuniversität Hannover

Die Patientenuni ist an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) angesiedelt. Kernangebot ist die „Gesundheitsbildung für alle“. In dieser Kursreihe, die wöchentlich stattfindet, wird pro Veranstaltung ein medizinisches Thema beleuchtet. Referent ist ein Experte der MHH (zum Beispiel ein Professor oder Oberarzt). Die Patientenuni arbeitet zudem mit externen Spezialisten. Die Mitmach- und Informationsstände sind Teil jeder Veranstaltung. Wer an acht von zehn Vorlesungen teilgenommen hat, bekommt ein Zertifikat. Künftig soll das Angebot für die Teilnehmer kostenfrei sein. Themen sind beispielsweise: Chronische Kopf- und Gesichtsschmerzen, Bewegung im Alltag oder Arteriosklerose und Fettstoffwechselstörung, aber auch „Kunst und Krankheit“ oder „Selbstmanagementkurse für chronisch Kranke und Angehörige“. Die Lernstationen gibt es quasi auch online. An riesigen Modellen erklären Studenten in kurzen Filmen die menschlichen Organe.

Geleitet wird die Einrichtung von Prof. Marie-Luise Diercks und Prof. Friedhelm Schwartz. Ihr Anliegen: „Bürgerinnen und Bürger benötigen den Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen. Sie müssen die Informationen so verstehen und nutzen können, dass sie zur Förderung und Erhaltung der Gesundheit beitragen.“

Initiativen in Braunschweig und Hamburg

Die Patientenuniversitäten in Hannover und Braunschweig kooperieren. Seit 2011 existiert das Angebot in Braunschweig, das am dortigen Klinikum angesiedelt ist. Nach vier Semestern allerdings ist die Patientenuni in eine „Kreativpause“ gegangen. Wie und ob es weitergeht, ist derzeit noch unklar. Das Albertinen-Krankenhaus in Hamburg-Schnelsen kooperiert ebenfalls mit der Patientenuniversität in Hannover. Das Angebot in der Hansestadt ist allerdings etwas kleiner und nennt sich „Patientenseminar“. Das aktuelle Programm umfasst Themen wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht oder Aneurysmen im Bauch. Diercks verrät, dass am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) demnächst eine Patientenuniversität öffnet, „eins zu eins nach zu unserem Vorbild und in enger Kooperation mit uns“.

Patientenhochschulen in Essen, Dortmund Darmstadt

Die Patientenhochschule in Essen wurde 2015 vom dortigen Katholischen Klinikum und der Steinbeis Hochschule gegründet. „Das Angebot in Form eines viersemestrigen Studiengangs mit zertifiziertem Abschluss richtet sich an interessierte Bürgerinnen und Bürger, Patienten und Patientenvertreter, aber auch an Mitarbeiter im Gesundheits- und Sozialwesen. Die Referenten setzen sich aus versierten Fachärzten, Experten und Repräsentanten des Essener Gesundheitswesens zusammen“, informiert die Einrichtung.

Die Teilnehmer sollen zu „mündigen Bürgern“ ausgebildet werden, teilt Oliver Gondolatsch, Initiator des Bildungsprojektes, mit. Das Angebot ist kostenlos. „Das Modell zielt letztlich auch darauf ab, einen Beitrag für eine höhere Qualität in Krankenhäusern durch verbesserte Kommunikation und mehr Mitsprache für Patienten zu erzielen“, so Gondolatsch. „Gemeinnützige Krankenhäuser kommen damit auch ihrer sozialen Verantwortung nach, Patienten zu Gesundheits- und Krankenhausthemen aufzuklären und Hilfestellungen zu geben.“
Die Teilnehmer erhalten neben medizinischen Grundkenntnissen über einzelne Krankheitsbilder unter anderem Kenntnisse über die Struktur des Gesundheitswesens, über Informationskanäle zum Thema Qualität und andere Hilfestellungen, wie beispielsweise Wissen zu Patientenrechten. Die erworbenen ECTS-Punkte (European Credit Transfer System) könnten bei diversen Studiengängen angerechnet werden. Auch einige Krankenkassen gewähren bei Teilnahme finanzielle Vergünstigungen, die Teilnahme könne in den Bonusheften abgestempelt werden, so Gondolatsch.



Die Einrichtung in Essens Nachbarstadt Dortmund arbeitet nahezu identisch. Auch hier steht am Ende einer Veranstaltungsreihe das Basiszertifikat „Mündiger Patient“ – nachdem man die schriftliche Prüfung bestanden hat. Die Patientenhochschule ist am Klinikum Dortmund angesiedelt. Die Kurse sind in Zusammenarbeit mit der AkademieDO entwickelt worden. Sie plant und organisiert sowohl interne als auch externe Fort- und Weiterbildungen im Gesundheitsbereich. Das Angebot ist kostenlos. Ebenfalls am Essener Modell orientiert sich die Patientenhochschule der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg. Sie startete 2016 ihre ersten Veranstaltungen, die in verschiedenen Häusern angeboten werden.

„GesundheitsUni“ Jena

In Jena heißt das Angebot „GesundheitsUni“ und ist dem Universitätsklinikum (UKJ) angeschlossen. „Vorbeugen ist besser als Heilen! Deshalb haben wir uns am UKJ die Prävention auf unsere Fahnen geschrieben. Wir wollen mit unserem Wissen dazu beitragen, dass Sie gar nicht erst krank werden“, teilt die Einrichtung mit. Das Angebot gliedert sich in Abendvorlesungen und Pflegeabende. Bei den einmal im Monat stattfindenden Vorlesungen dozieren Mediziner des Krankenhauses. Geboten wird eine Themenvielfalt von Hörverlust über Herz-OPs bis hin zu Parodontitis.


Die Programme der Patientenuniversitäten sind unter folgenden Links zu finden:

- Braunschweig

- Darmstadt
Allgemeine Informationen finden Interessierte hier.
Aktuelle Veranstaltungen sind hier aufgelistet.

- Dortmund

- Hannover und auch Hamburg

- Essen

- Jena