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2. November 2018

Deutschlands einzige Sepsis-Schwester

 
Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Notfall und endet oft tödlich. In Deutschland gibt es bisher nur eine einzige Krankenschwester, die spezialisiert auf dieses Thema ist: Manuela Gerber vom Universitätsklinikum Greifswald. Im Interview erklärt sie, wie wichtig die Blutkulturen-Diagnostik ist, wie schwer eine Sepsis erkannt werden kann und warum es ein Umdenken im Medizinbetrieb geben muss.

Manuela Gerber ist seit 2010 Studienschwester im Qualitätsmanagementprojekt „Sepsisdialog“ am Universitätsklinikum Greifswald. (© Manuela Janke)
Was unterscheidet das Universitätsklinikum Greifswald im Umgang mit Sepsis von anderen Kliniken?
Seit 2008 wird bei uns der Sepsisdialog durchgeführt. Im Rahmen dieses Projekts schulen wir Ärzte und Krankenschwestern, organisieren Weiterbildungen und Veranstaltungen – auch für die Intensivstationen und Notaufnahmen. Wir haben Hilfsmaterialien wie Kitteltaschenkarten, auf denen es Informationen zum Thema Sepsis gibt. Unsere Mitarbeiter werden immer wieder geschult – Wiederholungen sind wichtig, denn es gibt eine hohe Fluktuation in den Krankenhäusern. Wir behandeln jährlich etwa 150 bis 200 Patienten mit einer schweren Sepsis oder einem septischen Schock am Klinikum und konnten in zwei Jahren 48 Menschenleben retten.

Wie läuft ihr Tag als Sepsis-Schwester ab?
Jeden Morgen screene ich meine Patienten, das heißt ich prüfe ihre Blutkulturen zur Diagnostik. Es muss immer geklärt werden, ob eine Infektion vorliegt – auf der Screening-Karte wird vermerkt, ob ein Verdacht besteht. Anhand von Abstrichen und in Zusammenarbeit mit den Ärzten prüfe ich, ob bestimmte Kriterien erfüllt sind: Fieber oder Untertemperatur, Herz- und Atemfrequenz sowie die Anzahl der weißen Blutkörperchen. Auf der Intensivstation kommen die Blutproben dann in einen speziellen Blutkulturenschrank. Wenn das Ergebnis dort auffällig wird, stehen im Labor besondere Geräte zur Verfügung, die innerhalb von sechs Stunden den Erreger identifizieren können. In den mikrobiologischen Laboren anderer Krankenhäuser würde man dies erst nach zwei Tagen herausfinden.

Zur Person: Manuela Gerber hat als Intensivkrankenschwester in Leipzig, Karlsburg und Greifswald gearbeitet. Seit 2010 ist sie Studienschwester im Qualitätsmanagementprojekt „Sepsisdialog“ an der Universitätsklinik Greifswald. Sie erfasst die Qualitätsparameter, pflegt die Datenbanken und organisiert die Weiterbildungsveranstaltungen.


Passt eine Sepsis immer in das Kriterien-Raster?
Nein, sie ist manchmal schwierig zu erkennen. In schlimmen Fällen kommt es zu Lungen- und Nierenversagen und zum septischen Schock: Der Patient kann sich nur noch verwirrt äußern. Diese Verwirrtheit wird ganz oft mit anderen Sachen in Zusammenhang gebracht, aber nicht mit einer Sepsis.

Welche Faktoren führen dazu, dass eine Sepsis schnell erkannt und wirksam behandelt wird?
Es sind vor allem die Schulungen des Krankenhauspersonals, die einen Unterschied machen, damit die Sepsis schneller erkannt wird. Das Wichtigste ist, das wir die Blutkulturen prüfen und jeden in dieses Bewusstsein bringen. Da muss der Druck der Patienten und auf allen Ebenen kommen. Andere Krankenhäuser wissen gar nicht, wie viele Sepsis-Patienten und Sterberaten sie durch diese Krankheit haben, weil sie diese Daten nicht so gut aufzeichnen. Außerdem ist eine rasche Diagnostik wirklich wichtig, die rund um die Uhr zur Verfügung stehen sollte. Leider ist das noch nicht flächendeckend verfügbar.

Warum nicht?
Sepsis hat noch immer nicht den gleichen Stellenwert wie der Schlaganfall oder der Herzinfarkt. Wir sind ständig mit Krankenhäusern in Verhandlung, denn es ist so wichtig, eine Sepsis als Notfall zu sehen. Wird die Krankheit rechtzeitig erkannt, können die Sterberaten gesenkt werden. Sepsis ist oft tödlich.

Was hat Sie gereizt, sich auf das Thema Sepsis zu spezialisieren?
Ich habe vor meiner jetzigen Tätigkeit als Sepsis-Krankenschwester auch schon auf der Intensivstation gearbeitet und bin mit der Thematik in Berührung gekommen. In Greifswald war Sepsis schon seit 2006 ein Thema, als der Sepsis-Dialog gegründet wurde. Hier sind alle mit Herzblut dabei. Das gefällt mir. Denn es liegt uns viel an dem Thema. Man merkt das auch an dem intensiven Kontakt zu unseren Sepsis-Patienten.

Wie kam es dazu, den Sepsis-Dialog in Greifswald zu etablieren?
Unser Oberarzt Dr. Matthias Gründling hat als Gründungsmitglied der Sepsis-Gesellschaft den Anstoß gegeben. Er engagiert sich schon seit vielen Jahren für das Thema und hat durch seine Arbeit gesehen, dass Betroffene schlecht therapiert werden. Für ihn war klar: Durch Qualitätsmanagement lässt sich viel erreichen. Er hat dadurch das Bewusstsein für dieses Krankheitsbild geweckt.

Vielen Dank für das Gespräch!
Terminhinweise

Permanent aktualisierte Ankündigungen von Veranstaltungen, die für Patienten relevant sind.

zum Beispiel: "Digitalisierung im Gesundheitswesen – Status quo und Ausblick", 21.11.2018, Berlin
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