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Früherkennung: Nutzen und Schaden von Screening

Durch radiologische Screening-Untersuchungen lassen sich Erkrankungen früh erkennen. Bei diesen Untersuchungen muss der Nutzen immer gegenüber einem potenziellen Schaden abgewogen werden, wie die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG) informiert.

Früherkennung von Brustkrebs.Um die Balance zwischen Nutzen und Schaden abzusichern, setzen Screening-Programme laut DRG eine ständige Qualitätsüberprüfung und -sicherung voraus. Auf dieser Basis können Früherkennungsprogramme wissenschaftlich fundiert weiterentwickelt werden. Das neue Strahlenschutzgesetz in Deutschland ermögliche weitere bildgebende Krankheitsfrüherkennungsuntersuchungen nach Zulassung durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). Im Mammografie-Screening-Programm sind die Auswirkungen einer systematischen Brustkrebsfrüherkennung durch die Diagnosevorverlegung inzwischen landesweit messbar: Nach flächendeckender Etablierung des Screenings werden in Deutschland inzwischen mehr Erkrankungen im Frühstadium diagnostiziert; unter Teilnehmerinnen weisen mehr als 50 Prozent der invasiven Karzinome einen frühen Befund auf – für die betroffenen Frauen resultiert daraus ein enormer Therapievorteil. Gesundheitspolitisch noch wichtiger sei der inzwischen nachweisbare, signifikante Rückgang prognostisch ungünstiger Brustkrebs-Stadien nach wiederholter Screening-Teilnahme. Diese Ergebnisse lassen bereits jetzt darauf schließen, dass durch das Mammografie-Screening die Sterblichkeit an Brustkrebs in Deutschland gesenkt werden kann. Für Frauen in einer Hochrisikosituation für die Entwicklung von Brustkrebs ist ein gesondertes Früherkennungsprogramm in Deutschland etabliert.

Nicht jede Früherkennungsuntersuchung ist medizinisch sinnvoll

Eine weitere Früherkennungsuntersuchung, deren wissenschaftliche Evidenz weltweit steigt, ist die Niedrigdosis-Computertomographie (NDCT) zur Erkennung der Frühstadien einer Lungenkrebserkrankung bei Menschen mit erhöhtem Risiko wie etwa Rauchern. Dennoch sei nicht jede Früherkennungsuntersuchung, die „technisch möglich ist, auch medizinisch sinnvoll“, sagt Prof. Moritz Wildgruber vom Institut für Klinische Radiologie der Universität Münster. „Teilweise hat sich ein regelrechter Selbstzahlermarkt entwickelt mit Untersuchungen, deren medizinischer Nutzen oft mehr als fraglich ist.“ Eines der Probleme sei laut Wildgruber, dass längst nicht jede Art der Screening-Untersuchung Ergebnisse liefert, die für den Einzelnen relevant seien. Es bestehe die Gefahr, dass Untersuchungen mit Strahlenbelastung erfolgen, die keinerlei therapeutische Konsequenzen nach sich ziehen, was Verunsicherung erzeugt. „Es ist deswegen wichtig, dass bei Screening-Untersuchungen immer genau definiert wird, was mit der Untersuchung erreicht werden soll.“

Über den Tellerrand einzelner Disziplinen hinausblicken

Zum Fortschritt bei der Früherkennung beitragen werden auch technische Weiterentwicklungen in der Analytik der radiologischen Bilddaten, so Wildgruber: „Mit Hilfe selbstlernender Algorithmen und Big-Data-Analysen lassen sich aus den Rohdaten von Screening-Untersuchungen möglicherweise Informationen gewinnen, die dem Auge des Radiologen nicht zugänglich sind. Das wird auch die Aussagekraft einer Screening-Untersuchung weiter erhöhen.“
Letztlich, so Wildgruber, werde es bei der Weiterentwicklung der Früherkennung darauf ankommen, über den Tellerrand einzelner Disziplinen oder einzelner Organe hinauszublicken. Weil die meisten schweren Erkrankungen den gesamten Organismus betreffen, mache es Sinn, sich auch bei der Früherkennung den gesamten Organismus anzusehen und nicht nur einzelne Teile davon, die zufällig einer diagnostischen Maßnahme zugänglich sind. Weitere Forschung auf diesem Gebiet ist notwendig, um die Versorgung der Bevölkerung weiter zu verbessern.