Drucken

„Eine gemeinsame Therapieentscheidung unterstützt die Therapietreue“

Im Interview spricht Dozentin und Motivationscoach Doris-Christiane Schmitt über den Schlüssel zu gelungener Arzt-Patienten-Kommunikation, die Fallstricke in Gesprächen und das Erzählen von Ängsten.

Doris-Christiane Schmitt.
Woran hapert es oft bei der Kommunikation zwischen Arzt und Patient?

Eine wesentliche Hürde im Dialog zwischen Arzt und Patient ist der Faktor Zeit. Durch den demografischen Wandel und die guten Behandlungsoptionen nimmt die Zahl der Patienten – vor allem die der chronisch kranken und im Bereich Onkologie – stetig zu. Auch werden schwierige Gespräche nicht entsprechend finanziell honoriert. Krebspatienten mit einer fortgeschrittenen Erkrankung leben heute wesentlich länger und werden so zu Langzeitpatienten, da unterschiedliche Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen, die immer wieder ein sorgfältiges Gespräch von Seiten der Ärzte erfordern.

Welche weiteren Schwierigkeiten gibt es?

Eine weitere Hürde sind die unterschiedlichen Ebenen, auf denen Ärzte und Patienten kommunizieren: Der Arzt befindet sich eher auf der sachlichen Ebene, um Diagnose, Prognose, Therapieoptionen und Nebenwirkungsmanagement zu vermitteln. Der Patient, vor allem bei schwerwiegenden und lebensbedrohenden Erkrankungen, befindet sich eher auf der emotionalen Ebene, auf der Unsicherheit, fehlende Informationen über die Erkrankung und Angst die Kommunikation belasten können. Eine dritte Hürde kann die unterschiedliche Erwartungshaltung der Gesprächspartner sein. Dann besteht die Gefahr, dass man aneinander vorbeiredet. Studien zeigen, dass Ärzte und Patienten Schwerpunkte eines Gesprächs unterschiedlich gewichten. Ist für den Arzt beispielsweise das Aufzeigen von Therapieoptionen besonders wichtig, so kann das beim Patienten ganz anders sein, der vielleicht eher über sein Leben mit der Erkrankung reden möchte.

Wie genau sollte man sich als Patient auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereiten?

Es kommt darauf an, was der Patient mit dem Arzt besprechen möchte. Handelt es sich z.B. um ein Erstgespräch, sollten vorangegangene Diagnosen und Therapieentscheidungen in schriftlicher Form vorliegen. Es hat wenig Sinn, ohne irgendwelche Unterlagen beim Arzt zu erscheinen, um eine Zweitmeinung einzuholen. Nach der Diagnose einer schwerwiegenden Erkrankung wie z.B. Krebs, sind Patienten oft nicht in der Lage, alle Informationen des Arztes aufzunehmen. Deshalb ist dann das zweite Gespräch besonders wichtig, auf das sich Patienten sehr gut vorbereiten und alle Fragen aufschreiben und nach Wichtigkeit sortieren sollten. Hilfreich könnte auch sein, sich zu überlegen, ob man jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis mitnimmt.

Welche sind die fünf wichtigsten Schritte?

1. Fragen vorher notieren.
2. Dem Arzt alles sagen, was belastet.
3. Bei Nichtverstehen der Erklärungen des Arztes sofort nachfragen.
4. Wichtiges notieren oder vom Arzt aufschreiben lassen bzw. um Informationsmaterial bitten.
5. Durch kurzes Wiederholen überprüfen, ob man alles richtig verstanden hat.

Inwieweit können Worte Medizin sein?

Ein empathisch geführtes Gespräch durch den Arzt kann bereits Medizin sein. Wir wissen aus der Kommunikationsforschung, dass die nonverbalen Signale wie z.B. Mimik, Gestik, Haltung und Betonung viel stärker wahrgenommen werden als die verbalen Äußerungen. Wie ein Arzt also einem Patienten nonverbal vermittelt, welche Therapie die richtige ist, beeinflusst den Patienten, an diese Behandlung auch zu glauben und sie einzuhalten. Auch die Zusage des Arztes, jemanden auf der Reise dieser Erkrankung zu begleiten, kann Medizin sein. Bei schweren Erkrankungen sind Sätze wie „Kopf hoch, so schlimm ist das doch nicht, da geht es anderen viel schlechter. Sie müssen eben mehr kämpfen, das wird schon wieder, jetzt wird noch nicht gestorben“ keine Medizin.

Sollte man dem Arzt von seinen Ängsten erzählen?

Das muss jeder Patient für sich selbst entscheiden. Grundsätzlich gilt aber, was der Arzt nicht weiß, kann er nicht behandeln. Manchmal stellt sich dann beim Gespräch heraus, dass die Angst unbegründet ist oder war. Eventuell kann der behandelnde Arzt bei bestimmten Ängsten nicht weiterhelfen und muss seinen Patienten an einen Kollegen überweisen wie z.B. an einen Psychoonkologen, der Krebspatienten in belastenden Situationen besser unterstützen kann.

Wie wirken sich Apps, die von Patienten genutzt werden, auf die Kommunikation aus?

Apps können das Gespräch mit dem Arzt unterstützen. Richtig eingesetzt sind sie gute Begleiter und Dokumentationshilfe bei einer Erkrankung. Die durch die App gewonnenen Daten können ausgetauscht werden und sparen im Gespräch Zeit. Dabei muss wieder jeder Patient für sich entscheiden, wie wichtig ihm die Datensicherheit ist. Fragt man Patienten, ist das Gespräch mit dem Arzt immer noch die Nummer eins.

Wie kann ich mein Recht auf Informationen einfordern, wenn der Arzt mir nur wenig erzählt?

Patienten haben ein Recht auf Information. Sollte der Arzt nicht sehr informationsbereit sein, helfen gezielte Fragen. Es gibt sogenannte offene Fragen, die oft mit einem W anfangen: Warum muss ich dieses Medikament morgens einnehmen? Wo erhalte ich noch mehr Informationen zu meiner Erkrankung? Auf offene Fragen erhält man in der Regel mehr Informationen als auf geschlossene. Können Sie mir Informationsmaterial geben? Muss ich die Tabletten wirklich täglich einnehmen? Kann ich während der Therapie in den Urlaub fahren? Diese Fragen werden eher kurz oder nur mit einem Ja oder Nein beantwortet. Sollte der Arzt sich jedoch weiter verschließen, ist zu überlegen, ob nicht doch die Suche nach einem anderen Arzt sinnvoll ist. Informationen über die eigene Erkrankung sind wichtig, denn sie helfen, die empfohlene Behandlung richtig anzuwenden und einzuhalten. Es gibt aber auch das Recht auf Nichtwissen. Will der Patient gar nicht informiert werden, sondern dem Arzt die Therapieentscheidung überlassen, sollte er das dem Arzt sagen.

Aber wenn ich das will, kann ich als Patient auch bei der Therapie mitentscheiden?

Eine gemeinsame Therapieentscheidung zwischen Patient und Arzt ist wünschenswert und unterstützt die Therapietreue. Versteht der Patient, warum und wie er ein Medikament einnehmen muss, unterstützt er den Therapieerfolg. Dies erfordert aber eine ausführliche Beratung durch den Arzt. Die kann aber nicht so weit gehen, dass der Arzt dem Patienten medizinische Nachhilfe gibt. Hilfreich können aber weiterführende Broschüren und der Hinweis auf bestimmte Webseiten sein, wo Patienten die Möglichkeit haben, sich ausführlich zu informieren. So können sie beim nächsten Gespräch ganz gezielt bestimmte Fragen stellen und sich an der Therapieentscheidung beteiligen. Es gibt inzwischen eine Fülle von Broschüren und Informationsplattformen zum Thema Arzt-Patienten-Kommunikation. So haben alle großen Patientenorganisationen Tipps auf ihren Webseiten. Auch Fachgesellschaften wie die Deutsche Krebsgesellschaft und die forschende Pharmaindustrie geben wichtige Hinweise, welche Schritte zu einem guten Gespräch mit dem Arzt wichtig sind.

Gibt es eine goldene Regel der Kommunikation?

Die gibt es in der Tat. Für Patienten gilt: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold. Wenn Patienten ihren Ärzten ihre Fragen und Sorgen nicht mitteilen, können sie keine Hilfe erwarten. Und Ärzten empfehle ich in meiner Beratung: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Vor allem bei Diagnosegesprächen, in denen der Patient eventuell erst einmal verkraften muss, dass nun eine schwere Erkrankung den weiteren Lebensweg beeinflussen wird, ist die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger oft gestört. Wenn der Arzt hinhört und auf nonverbale Signale des Patienten achtet, kann er die Gesprächsführung unterstützen.

Gibt es Schulungen für Ärzte zur Arzt-Patienten-Kommunikation?

An einigen Universitäten werden Kommunikations-Kurse für die Medizinstudenten angeboten. Leider sind die meisten Kurse noch fakultativ. Deshalb plädiere ich schon seit Langem dafür, die Arzt-Patienten-Kommunikation als Pflichtfach einzuführen. Auch bei Kongressen gibt es Fortbildungsmöglichkeiten für Ärzte und Pflege. Auch die Medikamentenhersteller sehen sich in der Pflicht, dieses Thema zu unterstützen, damit Patienten gut und sicher informiert werden.

Vielen Dank für das Gespräch!