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Patientenzentrierung – Von der Kunst Patienten in den Mittelpunkt der Versorgung zu rücken

Seit Jahren sprechen verschiedene Teilnehmer im Gesundheitswesen über ein Thema: Patientenzentrierung. Dabei geht es darum, Menschen mit Erkrankungen quasi ins Zentrum aller Bemühungen in Sachen Gesundheitsversorgung zu stellen, sie aber auch anzuhören, um zu erfahren, was für eine gute Versorgung wirklich nützlich und nötig ist. So ganz einig sind sich die unterschiedlichen Beteiligten, wie Ärzte, Pharmaindustrie und last but not least Patienten und Patientenorganisationen, nicht immer. Daher hat sich Journalistin und Patient Expert Birgit Bauer auf Spurensuche in Sachen Patientenzentrierung begeben.

Das erste Mal, dass das Thema „Patient Centricity“ ausführlicher besprochen wurde, war im Jahr 1969. Enid Balint vom Travistock Institute of Human Relations in London verfasste damals eine Abhandlung mit dem Titel „The possibilities of patient-centered Medicine“. In diesem Dokument erörterte sie unter anderem, dass Ärzte oft nur wenig Zeit mit ihren Patienten verbringen würden und so oft genug übersähen, dass sich hinter einer Erkrankung ein Mensch mit unterschiedlichen Vorerkrankungen oder auch Bedürfnissen verbirgt. Zuerst, so die Autorin, sei es eine „erkrankungsorientierte“ Medizin, die stattfindet, also eine vollständige Konzentration auf die Symptome und die Erkrankung an sich. Im Kontrast dazu stünde der andere Weg medizinischen Denkens, der sich auf den Mensch mit der Erkrankung fokussiert und so ein ganzheitliches Bild schüfe. Das bezeichnete man schon damals als patientenzentrierte Medizin.

Jeder versteht etwas anderes unter Patientenzentrierung

Allerdings, eine einheitliche Definition des Begriffs Patientenzentrierung scheint bis heute eine Herausforderung für alle Beteiligten im Gesundheitswesen. Die Forschung fokussierte sich über Jahre hinweg nur auf die pure Erkrankung. Ärzte arbeiteten mehr auf paternalistischer Ebene und trafen häufig die Entscheidung in Sachen Therapie für ihre Patienten, ohne sie einzubeziehen. Damit blieben Bedürfnisse oder auch Wünsche unberücksichtigt. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie, die 2017 im British Medical Journal veröffentlicht wurde. Hier stellten die Beteiligten – unter anderem die biopharmazeutische Industrie – fest, dass keine Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Gesundheitswesen bestand.

Es folgten unterschiedliche Aktivitäten und Versuche den Begriff neu und für alle gleich zu definieren. Verschiedene Institute und Organisationen diskutierten über patientenzentrierte Medizin weltweit. Sie sprachen über den Mensch, dessen körperliches wie psychisches Wohlbefinden und wie man Erkrankungsaktivitäten reduzieren könnte, um eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. Allerdings zeigt die Vielfalt der Definitionen, wie schwierig es ist Patienten ins Zentrum aller Aktivitäten zu stellen und Medizin vernünftig wie effektiv und hilfreich zu gestalten. Eine Herausforderung, die nicht so einfach ist, denn unterschiedliche Gesundheitssysteme in den Ländern setzen das Prinzip der patienten- und personenzentrierten Medizin auch verschieden um.

Patienten wollen einbezogen werden

Spricht man mit Menschen, die mit einer chronischen Erkrankung leben, wollen diese heute mit einbezogen werden. Sie legen Wert auf eine gute Lebensqualität und erwarten gute wie verständliche Informationen, wenn es um ihre Erkrankung und die dazu gehörende medizinische Versorgung geht. Sie leben bewusst und entwickeln im Laufe der Zeit ein gutes Gefühl dafür, was sie benötigen und können das auch klar formulieren. Ein Umstand, der auch den Begriff Patientenzentrierung veränderte.

Viele Patientenvertreter sind engagiert in unterschiedlichen Initiativen rund um eine Erkrankung und reden mit. Sie nehmen an Kongressen teil und beraten darüber, wie Versorgung besser werden kann. Oft benutzen sie #patientsinvolved, wenn sie sich für etwas einsetzen oder bei Projekten und Kongressen mitwirken.

Veränderungen durch Digitalisierung

Ein Faktor, der Patient Centricity noch einmal verändern wird, ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Viele Menschen mit Erkrankungen nutzen bereits digitale Lösungen, um ihre Erkrankung besser im Blick zu behalten und Informationen zu sammeln, von denen sie denken, dass sie nützlich für Ärzte sind. Andere nutzen Videosprechstunden oder Apps, um zum Beispiel Schlaflosigkeit in den Griff zu bekommen. Diese Bereiche müssen oft noch mehr mit Patientenzentrierung zusammengebracht werden. Viele digitale Gesundheitsanwendungen werden konzipiert, um Menschen mit Erkrankungen zu helfen, jedoch ohne mit selbigen zu sprechen und sie einzubeziehen.

Patientenzentrierung braucht daher regelmäßige Updates und neue Gedanken, um auch mit den Menschen, die täglich mit Erkrankungen leben, Schritt zu halten. Denn sie sind derzeit oft eine Nasenlänge voraus, wenn es um den Bedarf und die damit verbundene Versorgung geht. Es geht nicht nur darum, Patienten in den Mittelpunkt zu stellen, den Menschen zu sehen und sie, wie Pflegende, in Diskussionen und Entwicklungen von Gesundheitslösungen einzubeziehen. Sondern dafür zu sorgen, gemeinsam medizinische Versorgung so zu gestalten, dass sie den erkrankten Menschen in den Mittelpunkt stellt, effektiv unterstützt und so bestmögliche Lebensqualität bietet.

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