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Kein Zögern: Bei Herzinfarkt oder Schlaganfall sofort in Klinik

Viele Patienten verzichten aufgrund der Corona-Pandemie derzeit auf einen Besuch in Klinik oder Praxis. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) befürchtet, dass unbehandelte Beschwerden über kurz oder lang zu vermehrten Todesfällen, den „stillen Opfern“ der Krise, führen könnten.

Deutlich weniger Patienten mit Schlaganfall stellen sich in Zeiten der Corona-Pandemie in den Notaufnahmen vor.Die Kliniken machen sich derzeit auf den Ansturm vieler Covid-19-Patienten gefasst und halten hierfür eine große Anzahl von Krankenhaus- und Intensivstationsbetten frei. „Das heißt aber nicht, dass nicht auch weiterhin Kapazitäten für akut oder chronisch kranke Patienten zu Verfügung stehen“, stellt DGIM-Vorsitzender Prof. Jürgen Floege klar. Viele Menschen zögerten trotz Beschwerden eine ärztliche Behandlung hinaus – aus Angst vor Infektionen oder um einen Beitrag zur Entlastung des Gesundheitssystems zu leisten. Die Fachgesellschaft rät jedoch, bei ernsthaften Beschwerden dringend ärztlichen Rat in Praxis oder Klinik in Anspruch zu nehmen. Medizinisch notwendige Behandlungen sollten nicht ohne Absprache mit dem Arzt aufgeschoben werden. Kliniken und Praxen verfügten über ausreichende Kapazitäten, um eine breite internistische Versorgung der Bevölkerung weiterhin zu gewährleisten.

DGIM-Generalsekretär Prof. Georg Ertl geht es auch darum, drohende Versorgungslücken oder Versorgungsengpässe nach der Corona-Krise zu vermeiden. Der Kardiologe unterstreicht daher: Die rund 150.000 internistischen Krankenhausbetten, in denen jährlich sieben Millionen Patienten behandelt werden, stehen nach wie vor auch für Patienten zur Verfügung, die wegen akuter internistischer Leiden wie Herzinfarkt oder Krebs eine Behandlung benötigen.
Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Claudia Schmidtke, startet einen ähnlichen Appell: „Notfälle, etwa nach Unfällen, oder akute Erkrankungen, wie z. B. ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt, bedürfen einer schnellen Versorgung im Krankenhaus.“

Bei Verdacht auf Herzinfarkt nicht zögern

Die Deutsche Herzstiftung und die Deutsche Stiftung für Herzforschung berichten, dass Herzinfarkt-Patienten den Notruf 112 und lebensrettende Versorgung in der Klinik scheuen. Deutlich weniger Patienten mit Herzinfarkt würden sich in Zeiten der Corona-Pandemie in den Notaufnahmen vorstellen. „Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Patienten das medizinische Personal zur Behandlung von COVID-19 nicht ,belästigen‘ möchten“, berichtet Dr. Salvatore Cassese vom Deutschen Herzzentrum München.

Herzspezialist Prof. Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, warnt, dass der akute Brustschmerz sowie die akute Luftnot dringend abklärungspflichtige Symptome sind und erinnert eindringlich daran, dass die Brustschmerzambulanzen (Chest-Pain-Units) weiterhin für alle Notfälle offen stehen: „Der Herzinfarkt ist ein lebensbedrohliches Krankheitsbild, dass eine sofortige Behandlung im Krankenhaus bedarf. Eine Zeitverzögerung kann schwere gesundheitliche Folgen wie eine Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen mit dem plötzlichen Tod nach sich ziehen“, warnt er. Eine Notfallversorgung für diese Patienten wie auch für andere Herznotfälle sei weiterhin gewährleistet. Typische Herzinfarkt-Symptome sind insbesondere plötzlich einsetzende starke Schmerzen, die länger als fünf Minuten anhalten und sich in Ruhe nicht bessern, häufig kalter Schweiß, Blässe, Übelkeit, Atemnot, Unruhe und Angst. Die Schmerzen sind überwiegend im Brustkorb, häufig hinter dem Brustbein, bisweilen auch nur im Rücken zwischen den Schulterblättern oder im Oberbauch. Die Schmerzen können in den Arm, den Hals oder Kiefer ausstrahlen.

Bei Schlaganfall-Anzeichen keine Zeit verlieren

Auch Schlaganfallexperten raten dringend, Anzeichen für einen Schlaganfall in Zeiten der Corona-Epidemie ernst zu nehmen, die 112 zu wählen und sich umgehend notfallmedizinisch in einer Klinik behandeln zu lassen. „Es liegt die Vermutung nahe, dass viele Menschen im Moment trotz beunruhigender Schlaganfallsymptome aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus nicht ins Krankenhaus gehen“, sagt Prof. Wolf-Rüdiger Schäbitz von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). Das sei eine fatale Entscheidung, denn im Kontext der Schlaganfallbehandlung gilt die Devise: „Time is brain“. Das heißt, jede Minute des Zögerns erhöhe das Risiko, dass der Patient stirbt oder dauerhafte Beeinträchtigungen wie Lähmungen, Sprach- und Verständnisstörungen, Seh- oder Koordinationsstörungen sowie Depressionen eintreten. Zu den Schlaganfallanzeichen gehören: einseitige Lähmung, Gefühls-, Seh- und Sprachstörungen, Gangunsicherheit sowie plötzlich auftretende Kopfschmerzen. Wenn jemand bei einem anderen diese Symptome bemerkt, hilft der einfache FAST-Test. Weitere Details dazu finden Sie hier.

Auch die sogenannte transitorische ischämische Attacke (TIA), eine vorübergehende Lähmung, Sprach- oder Sehstörung, sei ein medizinischer Notfall, der sofort einer professionellen Behandlung bedarf. „Die TIA ist bei zehn Prozent der Betroffenen Vorbote eines großen Schlaganfalls“, betont Prof. Helmuth Steinmetz, 1. Vorsitzender der DSG. „Rasch betreut, klar diagnostiziert und auf einer Stroke Unit behandelt, kann dieser ‚Folge-Schlaganfall‘ in vier von fünf Fällen abgewendet werden“, sagt Steinmetz.