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"Die individuelle Situation muss im Mittelpunkt stehen"

Welche Rolle spielen innovative Arzneimittel für Menschen mit Diabetes? Wie kann die Diabetesversorgung besser werden? Und was bedeutet das mit Blick auf neue Therapien? Darüber haben wir mit Verena Hädrich gesprochen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Diabetikerbund Bayern.

Warum ist es wichtig, Patientinnen und Patienten innovative Arzneimittel schnellstmöglich zukommen zu lassen?

Verena Hädrich: Schauen wir uns die Diabetesbehandlung an. Viele innovative Arzneimittel haben Vorteile für Diabetikerinnen und Diabetiker. So zum Beispiel Analoginsuline. Sie sind ein wichtiger Baustein, um die Blutzuckereinstellung zu regeln. Und ein gut eingestellter Blutzucker steigert die Lebensqualität von Diabetikerinnen und Diabetikern. Viele innovative Medikamente für Typ-2-Diabetes bergen zudem nicht mehr die Gefahr von Unterzuckerung. Das ist ein klarer Vorteil für die Patientinnen und Patienten. Nicht nur mit Blick auf die Lebensqualität, sondern beispielsweise auch im Beruf. Man denke etwa an LKW- oder Busfahrer, die sich in ihren Jobs schwere Unterzuckerungen nicht leisten können, weil sie zum Beispiel Verantwortung für ihre Fahrgäste tragen.

Wie bewerten Sie den Zugang zu neuen Arzneimitteln für Patientinnen und Patienten? Was könnte besser laufen? Brauchen Patientinnen und Patienten eine stärkere Stimme im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)?

Verena Hädrich, stellvertretende Vorsitzende Diabetikerbund Bayern

Verena Hädrich: Eine stärkere Stimme von Patientinnen und Patienten im G-BA wäre sehr sinnvoll. Derzeit haben sie zwar ein Mitberatungs- und Antragsrecht, aber kein Stimmrecht. Mit einer stärkeren Patientenstimme könnte besser berücksichtigt werden, was die Patientinnen und Patienten konkret von Arzneimitteln erwarten. Schließlich sind sie es, die am Ende mit den neuen Therapien leben. Und: Sie sind darauf angewiesen, dass neue Arzneimittel möglichst rasch in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden und dann verordnet werden können. Dabei sollte immer der wahre Nutzen neuer Arzneimittel für die Patientinnen und Patienten im Fokus stehen. Klar ist aber auch, dass unser Gesundheitssystem für alle bezahlbar bleiben muss.

Wie gelingt eine bessere Diabetesversorgung? Welche Herausforderungen stellen sich bei neuen Therapien, zum Beispiel bei neuen Darreichungsformen?

Verena Hädrich: Für eine bessere Diabetesversorgung brauchen wir genügend Ärztinnen und Ärzte, die in der Diabetesversorgung umfassend ausgebildet sind – Hausärzte und Hausärztinnen sowie Diabetologinnen und Diabetologen. Das gilt vor allem auch in ländlichen Gebieten. Zudem brauchen wir bei neuen Darreichungsformen von Arzneien ausreichend Information und Testphasen, damit die Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin entscheiden und lernen können, wie sie die Medikamente anwenden. Dabei muss die individuelle Situation der Patientin bzw. des Patienten im Mittelpunkt stehen. Bei neuen Therapien sollten Ärztinnen und Ärzte fachlich neutral informieren und ausreichend Zeit für die Patientinnen und Patienten mitbringen. Für diese Zeit müssen sie aber natürlich auch bezahlt werden.

Wie können technische Hilfsmittel zur Selbstkontrolle (FGM-Messung, Apps) schneller und besser genutzt werden – helfen sie doch die Therapie zu verbessern/zu optimieren?

Es wäre hilfreich, wenn die Patientinnen und Patienten direkt zu Beginn der Nutzung solcher Hilfsmittel eine Schulung bzw. Unterstützung bekommen – zum Beispiel in der Arztpraxis. Das setzt aber natürlich voraus, dass die schulenden Ärzte und Ärztinnen, Diabetesberater und Diabetesberaterinnen selbst geschult sind. Auch hier gilt: Sie müssen für ihren Einsatz bezahlt werden. Zudem müssen die Hilfsmittel im Hilfsmittelverzeichnis geführt sein. Immer wieder kommt es vor, dass Diabetikerinnen und Diabetiker, vor allem Typ 1, viel Zeit und Nerven in Auseinandersetzungen mit ihrer Krankenkasse investieren müssen, bis zum Beispiel die Insulinpumpe oder spezielle Blutzuckermessgeräte wie CGM oder FGM genehmigt werden.

Sollten Patientinnen und Patienten Daten verstärkt auch für die private Forschung zur Verfügung stellen? Was braucht es dafür?

Diese Entscheidung müssen Patientinnen und Patienten individuell für sich treffen können. Hilfreich wäre hier sicher, wenn transparenter dargestellt würde, was mit den Daten passiert und dass die Freigabe der Daten den Patientinnen und Patienten nicht zum Nachteil gereicht. Es geht um Transparenz, Ehrlichkeit und Sicherheit der Daten, und darum, dass wir Patientinnen und Patienten an den Erkenntnissen teilhaben wollen, die gewonnen werden.

Zur Person: Verena Hädrich ist stellvertretende Vorsitzende des Diabetikerbund Bayern.

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