Drucken

Mit dem Stichwortzettel zum Arzt

Prof. Stefan Wilm, Facharzt für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Geriatrie, weiß aus seinem Alltag als Hausarzt, woran es in der Kommunikation zwischen Patienten und behandelndem Arzt oft hapert. Welche Rolle hat der Patient? Das erklärt der Experte im Interview.

Prof. Stefan Wilm, Facharzt für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Geriatrie.„Die Arzt-Patienten-Kommunikation ist der Kernbestandteil jeder ärztlichen Tätigkeit“, sagt Prof. Stefan Wilm. Als Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf erforscht er, wie die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessert werden kann. Davon berichtet er beim Berliner Tag der Patientenfürsprecherinnen und – fürsprecher. Wilm erklärt, dass der Arzt für eine gelingende Kommunikation mit dem Patienten Hingabe, Vertrauen und Zeit aufbringen muss.

Woran hapert es in der Arzt-Patienten-Kommunikation? Was sind die Fallstricke für den Patienten?
Mein Arzt hört mir nicht zu, mein Arzt schenkt mir kein Vertrauen, mein Arzt nimmt mich nicht ernst. Das sind drei Klagen, die immer wieder kommen. Damit der Arzt den Patienten ernst nehmen kann, muss der Patient aber auch offen sein. Ich wünsche mir, dass die Patienten auf den Tisch legen, was ihr Anliegen ist, was ihre Sorgen sind und was sie glauben, wo die Symptome herkommen. Ich möchte auch wissen, wovor sie Ängste haben und dass sie ganz klar und selbstbewusst benennen, was ihre Erwartungen an diesen Patienten-Arzt-Kontakt sind.

Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen wir an, der Patient klagt beim Hausarzt oder Neurologen über Kopfschmerzen. Er erzählt aber nicht, dass seine Büronachbarin vor einem Jahr Kopfschmerzen hatte, dann ein Hirntumor festgestellt wurde und sie jetzt tot ist. Viele Patienten denken: Hoffentlich ist es kein Hirntumor. Doch sie schämen sich für diese Ängste und sagen das nicht. Wie soll der Neurologe ahnen, dass der Patient glaubt, dass er einen Hirntumor hat? Das Patient-Arzt-Verhältnis ist ein Vertrauensverhältnis. Der Patient sollte seinem Arzt sagen, dass er fürchtet, einen Hirntumor zu haben.

Was tut der Arzt, wenn der Patient ihm so etwas erzählt?
Er kann das einordnen und erklären, dass er ihn neurologisch untersucht oder dass er keinerlei Ausfälle festgestellt hat und deswegen keine Bildgebung vom Kopf nötig ist. Er kann ihn beruhigen und empfehlen, bei anhaltenden Symptomen wiederzukommen. Weiß der Arzt das nicht, gibt er ihm nur ein Medikament. Dann geht der Patient raus, aber seine Frage ist nicht beantwortet, ob es ein Tumor ist oder nicht. Außerdem halten Patienten zu lange fest an Ärzten, mit denen sie nicht gut kommunizieren oder denen sie nicht vertrauen. Da wünsche ich mir von den Patienten mehr Mut, sich beherzt jemand Neues zu suchen.

Gibt es weitere Fallstricke?
Es ist auch schlecht, dem Arzt nicht zu sagen, dass man sich nicht an die vereinbarte Therapie hält. So sagt der Arzt zum Beispiel: Ich wundere mich, dass der Blutdruck bei Ihnen immer noch so hoch ist. Wir haben schon drei Medikamente, wollen wir wirklich noch ein viertes dazu nehmen? Der Patient erzählt dem Arzt aber nicht, dass er die drei Medikamente nicht nimmt. Das kommt häufig vor. Da fehlen Offenheit und Vertrauen. Wenn der Patient das aber offen anspricht und erklärt, dass er sich Sorgen wegen möglicher Nebenwirkungen macht, kann der Arzt reagieren und sagen: „Lassen Sie uns ein anderes Medikament finden“. Sonst wundert sich der Arzt, dass er und der Patient nicht vorankommen. Das gehört auch zu einer Therapie, dass der Patient offen benennt, dass er etwas nicht will.

Wie können sich Patienten auf das Gespräch mit ihrem Arzt vorbereiten?
Der Patient sollte sich vor dem Gespräch mit dem Arzt einen Stichwortzettel machen: Was will ich vortragen? Wovon will ich berichten? Welche Fragen will ich beantwortet haben? Der Zettel sollte priorisiert sein danach, was dem Patienten zu dem Gesprächstermin am wichtigsten ist. Der Arzt kann darauf reagieren und sagen: „Ich sehe, Sie haben noch mehr auf dem Zettel, das besprechen wir beim nächsten Mal.“ Er kann zum Termin auch einen Ausdruck aus dem Internet mitnehmen oder die Apotheken-Umschau, dann können er und der Arzt sich das gemeinsam anschauen.

Es gibt immer mehr Gesundheits-Apps. Wie wirkt es sich aus, wenn Patienten solche Anwendungen nutzen?
Für die Masse der Ärzte ist es hilfreich, wenn sie wissen, dass die Patienten eine App nutzen und damit zum Beispiel ihre Blutdruckmessungen verwalten. Wenn ein Patient meint, dass etwas getan werden muss, weil die App zweimal 141 zu 91 gezeigt hat, dann kann der Arzt mit ihm darüber sprechen. Entscheidend ist, wie es dem Patienten geht. Sagt er, dass es ihm schlecht geht, seit er diese App benutzt, dann hat der Arzt einen Einstieg in das Gespräch. Dann kann er ihm raten, die App abzuschalten. Ein kleiner Teil von Patienten zum Beispiel mit Diabetes mellitus, die mit der App überblicken wie sie eingestellt sind, profitiert. Ein größerer Teil wird davon verrückt gemacht oder mindestens in Sorge versetzt. Es ist aber gut, wenn der Patient das benennt, die App mitbringt und fragt: „Muss ich mir da Sorgen machen?“ Das ist ein häufiger Satz in meiner Praxis.

Gibt es eine goldene Regel der Kommunikation?
Es gibt für Patienten die Fünf-Finger-Regel für eine gelingende Kommunikation: Dazu gehören Mut, den richtigen Arzt zu suchen, Geduld mit dem Arzt, Offenheit im Gespräch, Vorbereitung mit einem Stichwortzettel und auch das Zuhören. Wir wissen aus vielen Studien, dass Patienten maximal ein Drittel von dem, was der Arzt sagt, nach dem Gespräch noch wissen. Deshalb müssen sie auch zuhören und sich Notizen machen. Viele Ärzte unterstützen das, indem sie noch ein Merkblatt mitgeben oder auf eine Seite im Internet verweisen, etwa auf www.gesundheitsinformation.de.

Inwieweit kann der Patient bei der Therapie mitentscheiden?
Über die Therapie entscheidet immer der Patient. Er ist dem Arzt nicht ausgeliefert. Mein Wunsch an die Patienten ist, dass sie mehr Mut haben dazu zu stehen, wenn sie zu einer Therapie ja gesagt haben. Der Arzt schlägt eine Behandlung vor, er ist der Spezialist, der Experte für Diagnostik und Therapie. Der Patient ist der Experte für seinen Alltag. Diese zwei Experten begegnen sich auf Augenhöhe. Der eine sagt: „Ich würde das so machen.“ Ob der Patient es macht, entscheidet er selbst. Deswegen ist es keine gemeinsame Entscheidung, sondern eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Dazu braucht der Patient Anleitung. Er muss wissen, was es für Möglichkeiten gibt. Lieber Chemotherapie, Operation oder Bestrahlung bei Krebs? Der Patient braucht da Unterstützung, denn er ist in einer Ausnahmesituation. Wie er zu seiner Entscheidung findet, dabei kann der Arzt ihm helfen.

Gibt es Schulungen für Ärzte? Wie sieht es bei den Patienten aus?
Es gibt Kommunikationstrainings für Ärzte und aus Studienergebnissen hat man die Evidenz, dass sie wirken. Das fängt in der Ausbildung bei den Studierenden an. Seit 2012 ist die Lehre zur Kommunikation fester Bestandteil der Approbationsordnung für Ärzte. Das ist besser geworden im Medizinstudium. In der Weiterbildung zum Facharzt sollte es verpflichtender werden, Kommunikationskurse zu absolvieren. Für onkologisch tätige Ärzte gibt es beispielsweise spezielle Trainings, wie sie mit der schwierigen Situation der Patienten im Gespräch umgehen. Es wird in den Ärztekammern darüber diskutiert, diese Trainings zu einem verpflichtenden Bestandteil der Weiterbildung zu machen, wie es etwa in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin bereits realisiert ist. Doch das ist mehr eine Haltung der Ärzteschaft und der Gesellschaft, ob sie persönliche Kommunikation höher werten als die Gerätemedizin.

Welche weiteren Tipps haben Sie für Patienten?
Es gibt einige Internetseiten, auf denen empfohlen wird, wie man die richtigen Ärzte findet und worauf man bei der Suche achten kann. Ob es für Patienten Kurse zur Arzt-Patienten-Kommunikation gibt, weiß ich nicht. Es wäre toll, wenn es etwa einen Volkshochschulkurs dafür gäbe. Der Bedarf ist da.

Vielen Dank für das Gespräch!