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Gesundheitsmanagement nicht zum Zweitjob machen

Was es für Patienten bedeutet, die eigene Krankheit organisatorisch zu managen, erläutert Birgit Bauer in folgendem Gastbeitrag. Die Autorin hat Multiple Sklerose (MS) und arbeitet als Social Media & Digital Health Expert und Journalistin.

Gesunde Menschen sind nur von Zeit zu Zeit mit der eigenen Gesundheit beschäftigt. Hin und wieder steht ein Arztbesuch an wegen einer Erkältung, dem berühmten Rücken oder einer Vorsorgeuntersuchung. Erhält man aber die Diagnose einer chronischen Erkrankung wie MS oder Rheuma, ändert sich das grundlegend. Im Nu wird man zum Gesundheitsmanager der eigenen Erkrankung. Diese Aufgabe ist sehr aufwändig und kommt einem Zweitjob nahe. Es kostet, Zeit, Geld und Kraft. Nur wer gut organisiert ist, schafft es alles im Blick zu behalten und so umzusetzen, wie es nötig ist.

Birgit Bauer, Social Media & Digital Health Expertin und JournalistinGut informieren und organisieren
Das A und O: Man muss gut informiert sein, um richtige Entscheidungen für das Leben mit der chronischen Erkrankung treffen zu können. Hinzu kommen regelmäßige Arzttermine, Krankengymnastik und andere Therapien, die exakte Medikamenteneinnahme nach Plan, gerne vor, während oder nach einer Mahlzeit, täglich oder wöchentlich. Die Dokumentation des Erkrankungsverlaufs elektronisch oder analog ist für einen selbst und die Behandler wichtig. Auf die Weise behält man den Überblick und kann wichtige Informationen beim nächsten Arzttermin mit dem Arzt teilen.
Chronisch Kranke befinden sich häufig in einem Spagat zwischen Erkrankungsmanagement und normalem Leben. Sie haben neben ihrer Krankheitsbewältigung einen Beruf und die Familie mit den dazugehörigen Verpflichtungen. Der Wunsch nach ein wenig Zeit für sich selbst bleibt nicht selten auf der Strecke. Manager der eigenen Gesundheit zu sein, ist sehr fordernd. Gibt es außer der Hauptkrankheit noch weitere Erkrankungen, so genannten Komorbiditäten, dann wird die Sache noch anstrengender.

Corona sorgt für Therapierückschritte
Die durch Corona bedingten Änderungen, die wir gerade alle erleben, sorgen zudem dafür, dass sich die Situation für viele Menschen mit chronischen Erkrankungen zuspitzt. Termine wurden und werden abgesagt und müssen neu arrangiert werden. Oft mangelt es an Informationen in Bezug auf neue Regeln. Es gab viele offene Fragen zur Fortsetzung der Therapie und verschlossenen Türen nicht nur in Praxen für Physiotherapie oder dem Reha Sport. Viele Patienten sind frustriert, weil ihre Behandlung ins Stocken gerät und so auch Fortschritte in Sachen Gesundheit quasi zu Rückschritten werden, weil regelmäßige Therapien fehlen. Gesundheitsmanagement wird durch Corona noch anstrengender.

Mit zunehmendem Alter wird Selbstmanagement schwieriger
Eine aktuelle Studie (siehe Link am Ende des Beitrags) hat sich mit den Belastungen befasst, die Patienten durch das eigene Gesundheitsmanagement erleben. Im Zentrum steht folgende Kernfrage: Sind Sie in der Lage, all die Dinge, die sie jetzt für ihre Gesundheit tun, auch lebenslang tun zu können.
Das Ergebnis: rund 40 Prozent der befragten Patienten, mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen geben an, sich nicht in der Lage sehen, den derzeitigen Aufwand an Energie, Zeit oder Geld lebenslang aufzubringen. Oftmals verstärken sich Symptome noch und damit auch die Belastung. Der normale Alterungsprozess bringt weitere, neue Beschwerden mit sich. Die Studie zeigt, dass es Zeit ist, Lösungen zu finden, die das Leben nachhaltig erleichtern bei guter Lebensqualität. Helfen kann zunächst ein Gespräch mit dem Arzt: Offen darüber reden, was belastet und gemeinsam Lösungswege finden. Auch digitale Gesundheitslösungen wie die elektronische Patientenakte (ePA) oder das elektronische Rezept (E-Rezept) helfen, Zeit, Energie und Geld zu sparen, den Papierwust zu reduzieren und Daten nutzerfreundlicher zu verwalten. Die Telemedizin ist eine weiter Option, dem Arzt einfache Fragen zu stellen, Befunde oder kleinere Ereignisse zu besprechen – ohne weite Wege anzutreten.

Gesundheit im Griff behalten - Leben nicht vergessen
Wichtig ist es für Menschen mit chronischen Erkrankungen, die Gesundheit gut im Griff zu behalten. Der Posten des „Gesundheitsmanagers“ sollte nicht in einen Zweitjob ausarten. Das kann zu psychologischen Problemen und möglicherweise auch zur Verschlechterung einer Erkrankung führen. Patienten brauchen Unterstützung und Vereinfachung. Wichtig ist, dass Menschen nicht im Stress und Termindruck versinken, sondern das Leben mit einer chronischen Erkrankung vernünftig und mit einer guten Lebensqualität leben können. Ohne Zweitjob „Gesundheits-Manager“.

Hier geht‘s zur Studie:
https://www.mayoclinicproceedings.org/article/S0025-6196(19)30770-0/fulltext