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"Bei der Aufklärung ist noch Luft nach oben"

Chronische Krankheiten sind vielfältig – auch mit Blick darauf, wie gefährlich eine Covid-Infektion für den Einzelnen ist. Deshalb sei es wichtig, den individuellen Fall zu betrachten, wenn es um die Impfreihenfolge geht, sagt Ludwig Hammel von der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. Er fordert eine bessere Aufklärung über die Pandemie.

Herr Hammel, Sie selbst sind Morbus-Bechterew-Patient und damit Teil der dritten Priorisierungsgruppe bei der Covid-Impfung. Finden Sie diese Eingruppierung angemessen?



Ludwig Hammel: Ganz klares Nein. Als die Priorisierung festgelegt wurde, hatten wir von der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. die Möglichkeit, eine Stellungnahme zur Erkrankung entzündliches Rheuma abzugeben – erstmal eine gute Sache. Das musste jedoch sehr schnell geschehen, wir hatten nur wenige Stunden Zeit dafür. Gemeinsam mit der Rheuma-Liga und der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe haben wir dennoch eine Einschätzung abgeben können. Das Ergebnis ist jedoch ernüchternd: Unsere Stellungnahme wurde nicht berücksichtigt.

Welche Eingruppierung haben Sie für Menschen mit entzündlichem Rheuma in der gemeinsamen Stellungnahme empfohlen?

Es wurde von unserer Seite keine gezielten Eingruppierungen gefordert, da wir zu diesem Zeitpunkt die Details auch noch nicht kannten. Unser Ziel war es, dass Patientinnen und Patienten mit einem entzündlichen Rheuma möglichst in der anfänglichen Eingruppierung berücksichtigt werden.

Worin bestehen in diesen Zeiten die besonderen Risiken für chronisch kranke Menschen?

Ich denke es ist wichtig, die Sichtweise nicht auf chronisch kranke Menschen einzuschränken. Man kann auch eine chronische Erkrankung haben, ohne einem verstärkten Risiko bei einer Corona-Infektion ausgesetzt zu sein. Das hängt individuell von der jeweiligen Krankheit ab. Aus meiner Sicht ist chronisch krank daher nicht gleichzusetzen mit einer Priorisierung bei der Covid-Impfung. Aber es gibt natürlich spezielle Erkrankungen, bei den ein erhöhtes Risiko besteht ...

... zum Beispiel Morbus Bechterew ...

... genau, um nur ein Beispiel zu nennen. Aufgrund der Einsteifungen, die durch die Krankheit hervorgerufen werden, gibt es teilweise Probleme mit der Atmung. Wenn eine Person mit diesen Problemen nun aufgrund einer Covid-19-Erkrankung beatmet werden muss, so ist das eine große Herausforderung. Dasselbe gilt auch für die Lagerung von Patientinnen und Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind und zugleich an Morbus Bechterew leiden.

Die Vereinigung Morbus Bechterew e. V. informiert ihre Mitglieder regelmäßig über Covid-19. Mit welchen Fragen wenden sich die Bechterew-Patientinnen und -Patienten an die Vereinigung?

Uns erreichen zahlreiche Fragen: Welches Vakzin ist das richtige für mich, worin unterscheiden sich die Wirkstoffe? Sind die Impfungen mit meinen Medikamenten verträglich, die ich wegen meiner Erkrankung regelmäßig einnehmen muss? Muss ich die Medikamente vor der Impfung absetzen? Ab wann können wir in unserem Verein wieder Gruppengymnastik und Reha-Sport-Funktionstrainings durchführen? Die Fragen betreffen also die Impfung an sich, aber auch, wie es nach der Impfung weitergeht. Wir versuchen bei verschiedenen Gelegenheiten Antworten zu geben – auf unserer Website, bei digitalen Stammtischen und bei Telefonaktionen.

Bleiben wir bei dem Thema Impfung. Sind chronisch kranke Menschen offener im Umgang mit Impfungen?

Mit Zahlen kann ich das nicht belegen. Aus meiner Erfahrung heraus habe ich aber das Gefühl, dass das so ist und chronisch kranke Menschen Impfungen grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Das mag daran liegen, dass sie sich aufgrund ihrer Situation allgemein mehr mit dem Thema auseinandersetzen. Viele aus dieser Gruppe müssen sich ihre Medikamente zudem selbst spritzen.

Schauen wir auf eine weitere Bevölkerungsgruppe, die in Coronazeiten ganz besondere Herausforderungen erlebt: Menschen mit Behinderung. Viele fühlen sich vergessen, die Impfung ist für sie entscheidend, um aus der Isolation herauszukommen. Nun sehen sie sich zu spät berücksichtigt. Sind ihre Bedürfnisse ausreichend ernstgenommen worden?

Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt viele Gruppen, die noch nicht ausreichend berücksichtigt worden sind, vor Herausforderungen stehen und für die eine baldige Impfung der einzige Weg aus einer schwierigen Situation ist. Natürlich gibt es Menschen, die in der Priorisierung ganz nach vorne gehören. Ich denke da zum Beispiel an Ärztinnen und Ärzte und medizinisches Personal. Letztendlich ist das aber eine politische Entscheidung, wenn auch eine sehr schwierige.

Die Pandemie ist ein komplexes Thema. Finden Sie, dass die wichtigen Aspekte so kommuniziert werden, dass sie für alle hinreichend verständlich sind?

Mir fehlt eine neutrale, sachliche und faktische Aufklärung, die zudem noch barrierefrei ist. Momentan ist es so, dass man sich die Informationen zusammensuchen muss, ob aus den Nachrichten, von seriösen Websites, wie dem Robert Koch Insitut (RKI) oder ähnlichen. Das kann doch aber nicht sein. Ich vermisse ein entsprechendes Angebot der Bundesregierung. Ob in der allgemeinen oder speziell in der barrierefreien Kommunikation – da ist noch viel Luft nach oben.

Ludwig Hammel ist Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V. In den frühen 1980er Jahren wurde bei Ludwig Hammel selbst die Erkrankung Morbus Bechterew festgestellt, seit 1982 engagiert sich der heute 63-Jährige ehrenamtlich und seit 1988 hauptamtlich in dem Verband.