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Patientenversorgung trotz Corona-Maßnahmen gewährleisten

Der Ruf nach Normalität in der Gesundheitsversorgung wird lauter: Von verschiedenen Seiten wird gefordert, nicht mehr alles Corona unterzuordnen, damit alle Patientengruppen versorgt werden können.

Manche Arztpraxen sind leer, viele Krankenhäuser haben zahlreiche freie Betten.Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) stellt sich die Frage, „was zurzeit mit der Versorgung der akuten Notfälle, der chronisch Kranken und der vulnerablen Gruppen“ passiere. Das oberste Gebot in der Patientenversorgung gelte auch für alle anderen Patientengruppen in Deutschland, es müssten auch absehbare gefährliche Verläufe sowie Todesfälle anderer Patientengruppen vermieden werden. Das APS schreibt: „Der Verlust an gesunden Lebensjahren ist bei der Versorgung der Corona-Patienten nicht höherwertiger als der Verlust an gesunden Lebensjahren bei chronisch Kranken oder in der Akutversorgung.“

Termine und Operationen verschoben

Es würden sich Hinweise mehren, dass es zu einer massiven Unterversorgung kommt: Termine für die Nachsorge onkologischer Patienten werden abgesagt, die Angebote zur Zweitmeinung reduziert oder Tumoroperationen verschoben oder abgesagt. Dies dürfe nicht passieren und auch chronisch kranke Patienten benötigten weiterhin Schmerz-, Physio- und andere Therapien sowie engmaschige Betreuung, verlangt das APS. Zudem müsse die Versorgung von Notfällen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Sepsis „ohne Wenn und Aber“ gewährleistet sein. Durch diese Unterversorgung leide auch die Patientensicherheit.

Klare Kriterien zur Patientenversorgung

Manche Arztpraxen seien nahezu leer, viele Krankenhäuser hätten zahlreiche freie Betten und andere wiederum arbeiteten an der Belastungsgrenze. Krankenhäuser müssten deshalb nach klaren Kriterien entscheiden, die notwendige Patientenversorgung wieder aufzunehmen und alle Verantwortlichen sollten regional bezogen definieren, wo welche Patientengruppe versorgt werden kann, fordert das APS. Ein weiterer Aspekt: Mehrere Krankenhäuser, unter anderem die Berliner Charité, berichten von einem deutlichen Rückgang der zu versorgenden Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten seit Beginn der Corona-Pandemie. „Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Patienten das medizinische Personal zur Behandlung von Covid-19 nicht ,belästigen‘ möchten“, berichtet Dr. Salvatore Cassese vom Deutschen Herzzentrum München.

Notfallversorgung ist sichergestellt

Der Rückgang in den Notaufnahmen könne aber auch auf die Sorge der Patienten zurückzuführen sein, sich mit dem Coronavirus anzustecken, sagt Prof. Claudia Schmidtke, Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Sie ruft dazu auf, sich in Notfällen oder bei Symptomen akuter Erkrankungen auch während der Corona-Pandemie in medizinische Behandlung zu begeben: „Notfälle, etwa nach Unfällen, oder akute Erkrankungen, wie z. B. ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt, bedürfen einer schnellen Versorgung im Krankenhaus. Niemand sollte im Notfall aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus auf die dringend notwendige medizinische Hilfe in einem Krankenhaus verzichten. Die Versorgung von Notfällen in den Krankenhäusern ist sichergestellt. Sie erfolgt unter Beachtung der notwendigen Isolationsmaßnahmen von Covid-19-Patientinnen und -Patienten.“

Viele schmerzmedizinische Einrichtungen geschlossen

Eine weitere Folge der Corona-Krise: Seit Anfang März sind 75 Prozent der stationären schmerzmedizinischen Einrichtungen in Krankenhäusern, die Patienten mit schweren chronischen Schmerzen teil- und vollstationär behandeln, wegen der Corona-Krise geschlossen sind. Das vermeldet der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD). „Wir gehen von monatlich 4000 bis 7000 Patienten mit schweren chronischen Schmerzen aus, die aufgrund der Einschränkungen durch die Covid-19-Krise nicht mehr in Krankenhäusern versorgt werden können“, sagt der BVSD-Vorsitzende Prof. Joachim Nadstawek. Der Verband schlägt vor: Wenn nicht in Anspruch genommene Klinik-Ressourcen intensiv koordiniert würden und das Infektionsrisiko regional überwacht würde, könne die Versorgung wieder hochgefahren werden.

Einnahmeausfälle der ambulanten Reha

Und nicht nur das: Auch der Versorgungsbereich der ambulanten Rehabilitation hat durch die Corona-Krise Einnahmeausfälle zu verzeichnen. Ambulante Rehabilitationsmaßnahmen werden derzeit nicht mehr durchgeführt. Die Einrichtungen müssen hohe finanzielle Verluste verkraften. Der Bundesverband Geriatrie fordert, dass auch ambulante Einrichtungen einen Rettungsschirm erhalten. Ansonsten drohen Versorgungsengpässe.