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Molekulare Diagnostik auf dem Vormarsch

Die Deutsche Krebshilfe stellt die „europaweit größte Kooperationsplattform“ zur molekularen Diagnostik und Therapie auf ihrer Jahrespressekonferenz vor. Das immer bessere Verständnis der Biologie von Lungentumoren ermögliche die Entwicklung wirksamerer sowie den Einsatz zielgerichteter Therapien.

Wurde durch die molekulare Diagnostik gerettet: Bärbel Söhlke.Die genomische Medizin hat Bärbel Söhlkes Leben in letzter Minute gerettet. 2008 wurde bei ihr eine seltene Form von Lungenkrebs festgestellt. „Vier Jahre später hatte ich drei Chemotherapien und eine Operation hinter mir und scheinbar keine Optionen mehr“, erzählt sie. Die Ärzte gaben ihr noch sechs Monate zu leben. „Ich hörte dann von dem Kölner Netzwerk Genomische Medizin“, erinnert sie sich, „ganz systematisch sollte eine molekulare Diagnostik durchgeführt werden“. Ihre letzte Hoffnung. „Ich wollte, dass man die ursächliche Mutation für meinen Krebs findet und dass es dann ein zielgerichtetes Medikament gibt, dass diese Wirkung stoppt“, sagt die Mathematikerin.

Keine Tumoraktivität mehr feststellbar

Tatsächlich klappte es: Als erste Patientin wurde Bärbel Söhlke auf eine gerade neu entdeckte sehr seltene Gen-Mutation positiv getestet – zusätzlich hatte sie das Glück, dass es auch schon ein Medikament gab. Allerdings war es noch nicht zugelassen. „Es war ursprünglich für etwas anderes entwickelt worden, aber es gab vielversprechende Studiendaten aus den USA“, weiß die Patientin. Sofort bekam sie das Arzneimittel verabreicht, das erst vier Jahre später offiziell zugelassen wurde. „Ich hätte nie im Leben auf das Medikament warten können, bis es zugelassen ist. Dann wäre ich heute nicht mehr da“, sagt sie. Acht Wochen nach der ersten Einnahme war keine Tumoraktivität mehr feststellbar. Der Tumor war innerhalb von Wochen sofort abgeschaltet. Die Tumorsymptome und Nebenwirkungen des Arzneimittels verschwanden allmählich: „Seitdem nehme ich das Medikament, seit sechs Jahren und neun Monaten, ohne Tumorsymptome, ohne Nebenwirkungen, ohne irgendwelche Hinweise auf Tumoraktivität und kann erwerbstätig sein“. Sie resümiert: „Nur durch diese Testung wurde herausgefunden, dass genau dieses eine Medikament für mich hochwirksam ist.“

Mehr neue, maßgeschneiderte Therapien

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe.Damit Patienten von aktuellen Erkenntnissen und Entwicklungen profitieren können, sei eine präzise Diagnose auf der molekularen Ebene nötig. Das „nationale Netzwerk Genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs“ umfasst 15 universitäre Krebszentren und stellt eine einheitliche molekulare Diagnostik sowie abgestimmte Therapieempfehlungen sicher. Damit ermögliche es eine auf den Patienten zugeschnittene Versorgung. Für den weiteren Ausbau des nNGM hat die Deutsche Krebshilfe 2018 erneut erhebliche Mittel bereitgestellt. „Das nNGM kann bereits jedem dritten Betroffenen eine neue, maßgeschneiderte Therapie anbieten – Tendenz steigend“, sagt Prof. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Centrums Integrierte Onkologie (CIO) Köln, und ergänzt: „Unser langfristiges Ziel ist eine flächendeckend gute Versorgung aller Lungenkrebspatienten in Deutschland.“ Er berichtet, dass das Informationsbedürfnis der Patienten nach fundierten Informationen steigt. Zu den derzeit bundesweit über 380 regionalen Kooperationspartnern gehören Krankenhäuser, niedergelassene Onkologen und Facharztpraxen. Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, hält große Stücke auf das Vorhaben: „Es ist ein Projekt, das eine Blaupause sein kann für andere Krebsarten.“

Welche Faktoren haben Einfluss auf Krebserkrankungen?

Fritz Pleitgen, Präsident der Deutschen Krebshilfe.Laut Nettekoven sei die Versorgung krebskranker Menschen in den vergangenen Jahren stetig verbessert worden. Jedoch müsse die Krebsprävention besser strukturiert, vernetzt und strategisch ausgerichtet werden. Im Bereich Krebspräventionsforschung müsse noch viel untersucht werden: Was bewirken Ernährung, Bewegung, UV-Schutz? Diese Faktoren seien noch viel zu wenig erforscht. „Wir wollen den Gedanken der Prävention an die Fläche und die Krebszentren transportieren“, sagt er. Fritz Pleitgen, Präsident der Deutschen Krebshilfe, spricht davon, dass 40 Prozent aller Krebsfälle durch ein gesundheitsbewusstes Leben verhindert werden können und bedauert, dass die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen von Jahr zu Jahr steige.

Regelfinanzierung für psychosoziale Krebsberatungsstellen

Zudem sei es seit Jahren ein „brennendes Anliegen“ der Deutschen Krebshilfe, eine Regelfinanzierung der sogenannten psychosozialen Krebsberatungsstellen zu etablieren. „Wir gehen im Moment fest davon aus, dass wir eine Regelfinanzierung im Laufe des Jahres 2020 bekommen werden, eine Gesetzesinitiative ist auf den Weg gebracht“, erklärt Nettekoven. Es seien Strukturen, „die wir mit hohen Mitteln bewusst in den vergangenen Jahren gefördert und finanziert haben, um Standards zu entwickeln, um aber auch die Politik davon zu überzeugen, dass wir eine Regelfinanzierung für diese wichtigen Strukturen außerhalb des klinischen Bereiches benötigen“.